KNUT MELLENTHIN

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"Nur das Phantastische ergreift die Menschen"

Theodor Herzl und die Anfänge des Zionismus

"Mit Völkern muß man in einer kindischen Sprache reden: ein Haus, eine Fahne, ein Lied sind die Verständigungszeichen."

So trug es Theodor Herzl am 10. Juli 1898 in sein Tagebuch ein. Das war anderthalb Monate vor dem zweiten Zionistischen Kongreß, der - wie schon der erste ein Jahr zuvor - wieder in Basel stattfinden sollte.

Fahne und Lied, klar. Aber was war das für eine Geschichte mit dem Haus? Herzl wollte, als zionistisches Versammlungshaus und als "Symbol für die Judenheit", in Basel einen Prachtbau im "neujüdischen Stil" errichten lassen, dessen Fassade er auch gleich mit ungelenken Strichen in sein Tagebuch skizzierte. Dahinter notierte er: "Die Kunst, die mir jetzt am meisten sagt, ist die Architektur. Leider beherrsche ich ihre Ausdrucksmittel nicht. Wenn ich was gelernt hätte, wäre ich jetzt ein Architekt."

Vielleicht wäre Bühnenbildner die richtigere Bezeichnung gewesen? Aber das würde Herzls vielseitige Interessen nur unzureichend erfassen. Tatsächlich plante er seinen "Judenstaat" bis ins Detail, als wäre es eine Melange aus Aida in Verona und Holidays on Ice. Der Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Führung von Moses werde sich zu seinem, Herzls, Projekt verhalten "wie ein Fastnachtsingspiel von Hans Sachs zu einer Wagnerschen Oper", hatte er seinem Tagebuch am 7. Juni 1895 anvertraut. "Erhabene Einzugsmärsche für große Feste" wollte er inszenieren (5. Juni 1895), "Nationalfeste mit enormen Sehenswürdigkeiten, farbigen Aufzügen usw.". Die Einwanderer sollten mitsamt ihrem gewohnten Milieu verpflanzt werden: "Circenses baldigst: Deutsches Theater, internationales Theater, Oper, Operette, Zirkus, Café-concert, Café Champs Elysées". Von den besten jüdischen Komponisten wollte Herzl "Volkshymnen (Marseillaise der Juden) komponieren lassen". "Die Hohenpriester werden imposanten Ornat haben; unsere Kürassiere gelbe Hosen, weißen Waffenrock. Offiziere silbernen Küraß." (7. Juni 1895).

Schon die Einwanderung nach Palästina stellte sich Herzl als Teil des grandiosen Gesamtkunstwerks vor. "Eine Truppe von Schauspielern, Sängern und Musikanten wird die Überfahrt verkürzen". (10. Juni 1895) "Es wird Schiffe I., II. und III. Klasse geben. Jedes mit Belehrungen und Unterhaltungen seiner Art. Dadurch wird das aufreizende Beispiel der Standesunterschiede vermieden. (...) Ich will den Luxus, aber nicht den unfruchtbaren Neid." (11. Juni 1895)

Höhepunkt der Inbesitznahme des Landes sollte die feierliche "Dogenkrönung" sein. Richtig, Herzl, der erklärtermaßen gegen die Demokratie war, da das Volk den Staat und seine Bedürfnisse nicht begreifen könne (28. Juni 1895), plante eine aristokratische Regierung. Als Vorbild dachte er sich die Verfassung der früheren Adelsrepublik Venedig, mit einem Dogen an der Spitze.

Und der Krönungszug also? Natürlich Kürassiere vorweg, anschließend Artillerie und Infanterie. "Und dann die kleinen Mädchen", wie es in einem zeitgenössischen Lied hieß? Noch lange nicht! "Die Beamten aller Ministerien, Abordnungen der Städte, die Geistlichkeit, zuletzt der Hohepriester der Hauptstadt. Die Fahne mit Ehrenwache von Generälen."

Goldblitzende Staatsgewänder, Baldachine. Im Kontrast dazu der Doge selbst, in der "Schandtracht eines mittelalterlichen Juden", mit spitzem Hut und gelbem Fleck. Als Kulisse des Krönungszuges sollte eine historische Ghettogasse errichtet werden. Hinter dem Dogen dann Minister, Generäle, Abgesandte der Fürsten- und Königshöfe, das gesamte Diplomatische Korps, Senat und Parlament, Abordnungen der Berufsgruppen, und zum Schluß natürlich noch einmal Artillerie und Infanterie. (9. Juni 1895)

"Eigentlich bin ich darin noch immer der Dramatiker", notierte Herzl am 11. Juni 1895 in sein Tagebuch. "Ich nehme arme, verlumpte Leute von der Straße, stecke sie in herrliche Gewänder und lasse sie vor der Welt ein wunderbares, von mir ersonnenes Schauspiel aufführen. Ich operiere nicht mehr mit einzelnen Personen, sondern mit Massen: der Klerus, das Heer, die Verwaltung, die Akademie usw.". (11. Juni 1895)

Stichwort Dramatiker: Der Journalist Herzl hat auch eine Anzahl Theaterstücke geschrieben, mit denen ihm aber nur mäßiger Erfolg beschieden war. Weiter im Tagebuch: "Manches in diesen Aufzeichnungen wird lächerlich, übertrieben, verrückt erscheinen. (...) Künstler werden es verstehen, warum ich, bei im übrigen recht klarer Vernunft, die Übertreibungen und Träume zwischen meinen praktischen, politischen und gesetzgeberischen Einfällen wuchern ließ wie grünes Gras zwischen Pflastersteinen. Ich durfte mich nicht aufs Nüchterne herunterschrauben. Dieser leichte Rausch war notwendig. Ja, Künstler werden das ganz verstehen. Aber es gibt so wenig Künstler."

"Geistesjude" sucht "Geldjuden"

Von einem Künstler soll hier also die Rede sein, der sich aufmachte, ein Politiker zu werden. "Tatsächlich sind jetzt die Journalisten die einzigen Juden, die etwas von Politik verstehen. Der beste Beweis bin ich." (12.6.1895)

Eine liebevoll gepflegte Legende berichtet, daß der 1860 geborene, weitestgehend "assimilierte" Theodor Herzl erst 1894/95 sein jüdisches Coming Out gehabt habe. Äußerer Anstoß sei die Dreyfus-Affäre gewesen. Also die skandalöse Verurteilung eines französisch-jüdischen Offiziers wegen angeblicher Spionage für Deutschland. Das Verfahren löste in Frankreich eine antijüdische Massenstimmung aus, bis hin zu tätlichen Angriffen und Mordparolen. Herzl lebte damals als Korrespondent der Wiener Zeitung "Neue Freie Presse" in Paris, beobachtete als Augenzeuge den Prozeß gegen Dreyfus im Dezember 1894 und auch die entwürdigende Degradierung des Verurteilten im Januar 1895.

Sicher ist aber, daß Herzl schon als Student, spätestens 1882, sich mit dem weit verbreiteten Antisemitismus und mit seinem eigenen Jüdischsein auseinanderzusetzen begann. Die Lektüre von Eugen Dührings 1881 erschienenem antisemitischen Buch "Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage" habe auf ihn gewirkt, "wie wenn ich einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte", erinnerte sich Herzl noch viele Jahre später. 1883 trat Herzl als Zeichen des Protests aus der schlagenden Studentenverbindung "Albia" aus, nachdem deren Vertreter eine mit judenfeindlichen Ausfällen gespickte Rede gehalten hatte.

Herzl selbst schrieb 1895: "Wann ich eigentlich anfing, mich mit der Judenfrage zu beschäftigen? Wahrscheinlich, seit sie aufkam. Sicher, seit ich Dührings Buch gelesen." (26. Mai 1895) - Und etwas später: "Auf dreizehn Jahre schätze ich die Zeit, in der dieser Gedanke (der Zionismus) sich in mir durcharbeitete. Denn aus dem Jahre 1882, wo ich Dührings Buch las, stammen meine ersten Aufzeichnungen. Jetzt, wo alles in mir so klar daliegt, staune ich, wie nahe ich oft daran war, und wie oft ich am Lösenden vorübergegangen bin." (16.6.1895)

Ende Mai 1895 begann Herzl sein "politisches Tagebuch". Die ersten Sätze lauten: "Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist. Ich weiß heute nicht, ob ich es ausführen werde. Es sieht aus wie ein mächtiger Traum. (...) Was daraus wird, ist jetzt noch nicht zu ahnen."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Herzl bereits versucht, Kontakt zu dem jüdischen Finanzmann Baron Hirsch aufzunehmen, um diesem seine Idee vorzutragen und dessen immense Millionen für sein Vorhaben zu gewinnen. Der Baron hatte schon seit mehreren Jahren im großen Umfang Hilfsprojekte für osteuropäische Juden finanziert. 1891 hatte er die Jewish Colonization Association gegründet, deren Zweck es war, Land in Argentinien, Brasilien und anderen Teilen Amerikas zu kaufen, um dort russische Juden als Bauern anzusiedeln.

Herzl verachtete diese Art von, wie man damals sagte, philanthropischer Tätigkeit zutiefst: Sie züchte nur "Schnorrer" heran, da sie (modern gesprochen) keine Hilfe zur Selbsthilfe bedeutete und die jüdischen Siedler zudem an die rückständige Landwirtschaft fesselte. Aber "Sie sind der große Geldjude, ich bin der Geistesjude", wie Herzl nicht besonders taktvoll an den Baron schrieb (3. Juni 1895). Mit anderen Worten: Hirsch besaß die Millionen, während Herzl lediglich eine Idee hatte, wie man sie am zweckmäßigsten ausgeben könnte.

Hören kostet nichts, dachte sich vermutlich der damals schon 64jährige Baron, und empfing den sonderbaren jungen Schwärmer am 2. Juni in seinem Haus. Andererseits brachte er aber - wenn Herzls Tagebuchaufzeichnungen zutreffen - nicht die Geduld auf, den Besucher erst einmal sein Projekt insgesamt vortragen zu lassen, sondern schlug ihm stattdessen seine Lebensweisheiten um die Ohren.

Herzl war beleidigt und verabschiedete sich. Setzte sich am folgenden Tag hin und schrieb dem Baron einen bitterbösen Brief: Ich hätte Sie gern für meine Pläne benützt, aber sei`s drum, ich bin auf Sie nicht angewiesen, es gibt auch andere, und Sie werden schon sehen, was Sie davon haben! - Dies war so Herzls übliche Reaktionsweise, sein Selbstwertgefühl wieder aufzufrischen, wenn ihm jemand, den er gerade eben noch freundlich umworben hatte, eine Abfuhr erteilte.

Es gab ja auch andere. Den alten Bismarck beispielsweise, der 1890 von Kaiser Wilhelm II zwangsweise in den Ruhestand geschickt worden war und der also eigentlich Muße genug hätte haben sollen, um aufmerksam alle Briefe zu lesen, in denen ihm die Lösung der großen Menschheitsfragen und andere "unterhaltende Utopien" (O-Ton Herzl) angeboten wurden. Aber Herzls Schreiben vom 19. Juni 1895, mit dem er den Ex-Reichskanzler darum bat, ihm seine Idee vortragen zu dürfen, blieb unbeantwortet.

Machte auch nichts! Herzl hatte unmittelbar nach dem verunglückten Besuch bei Baron Hirsch damit begonnen, sämtliche Einfälle und Gedankensplitter in sein Tagebuch einzutragen. Daraus kristallisierte sich dann ein Gesamtplan heraus, den er am 13. Juni ins Reine zu schreiben begann und innerhalb weniger Tage vollendete. Er nannte es "Dem Familienrat" oder "Rede an die Rothschilds".

Die Rothschilds hatten noch viel mehr Millionen als der Baron Hirsch, und auch sie waren im großen Umfang philanthropisch engagiert. Insbesondere Baron Edmond de Rothschild unterstützte schon seit den frühen 80er Jahren die "Chibbat Zion"-Bewegung, die Siedlungen russischer und anderer osteuropäischer Juden in Palästina gründete und subventionierte. Ende Juni 1895 schrieb Herzl dem in Wien lebenden Vertreter der Familie, Baron Albert von Rothschild: "Ich habe eine Denkschrift über die Judenfrage für den Deutschen Kaiser verfaßt" (Was nicht ganz stimmte), "Meine Denkschrift wird dem Kaiser Ende Juli oder Anfang August zugestellt" (Was erst recht nicht stimmte), und falls der Baron interessiert wäre, sei Herzl bereit, ihm sein Werk gelegentlich vorzulesen.

Der Baron war offenbar nicht interessiert, antwortete jedenfalls nicht. Von nun an begann Herzl, sich mit großer Bitterkeit und Entschiedenheit über die Schädlichkeit der Familie Rothschild und ihres Vermögens für die jüdische Sache zu äußern.

"Der Judenstaat"

Die "Rede an die Rothschilds" erschien im Februar 1896, für die Veröffentlichung überarbeitet und zweckentsprechend gekürzt, als Buch unter dem Titel "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage".

Aus Herzls Aufzeichnungen geht hervor, daß diese ausführliche Darstellung seiner Idee ursprünglich nicht für die Veröffentlichung gedacht war, sogar ganz im Gegenteil: In jedem Brief bat er darum, seine Überlegungen streng vertraulich zu behandeln. Er betrachtete seine Aufzeichnungen eigentlich als einen Geheimplan, dessen Offenlegung in Gänze zumindest sehr zwiespältige Folgen für die Juden haben würde - insbesondere, weil dies dem Antisemitismus Stoff geben würde und weil es einige der von ihm vorgeschlagenen praktischen Schritte, wie beispielsweise den Ankauf von Land zu niedrigen Preisen, erschweren würde.

Außerdem war Herzls ganzer Plan, ebenso wie überhaupt sein Politikverständnis, zu dieser Zeit in erster Linie auf Geheimdiplomatie eingestellt. "Wir wollen ja im Einvernehmen mit den Regierungen vorgehen - nur ungestört vom Parlaments- und Presspöbel" (12. Juni 1895). In der Herstellung von Öffentlichkeit und der Mobilisierung von Massen sah Herzl nur einen unerwünschten Notbehelf und ein äußerstes Druckmittel für den Fall, daß mit Geheimdiplomatie allein nicht voranzukommen wäre. Und die Drohung, er könnte seine Überlegungen vielleicht als Buch veröffentlichen, verstand Herzl ursprünglich auch als ein Mittel der Erpressung gegenüber den Rothschilds (15. Juni 1895).

Der Grundgedanke des "Judenstaats" ist, daß für die Juden auf Dauer ein Leben als Minderheit innerhalb nichtjüdischer Gesellschaften nach aller bisherigen Erfahrung und Voraussicht unmöglich sei. Der Antisemitismus aller nichtjüdischen Völker mache es unmöglich. In einigen Ländern (wie Rußland und Rumänien) sei das bereits offensichtlich. "In den anderen, wo sich die Juden augenblicklich wohlbefinden, werden meine Stammesgenossen meine Behauptungen vermutlich auf das heftigste bestreiten. Sie werden mir erst glauben, bis sie wieder von der Judenhetze heimgesucht sind. Und je länger der Antisemitismus auf sich warten läßt, umso grimmiger muß er ausbrechen."

Auch durch "Assimilierung" sei die Lage der Juden nicht grundlegend zu verbessern. Erstens wäre eine solche Entwicklung gar nicht wünschenswert. "Unsere Volkspersönlichkeit ist geschichtlich zu berühmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als daß ihr Untergang zu wünschen wäre." - Aber abgesehen von diesem Einwand wäre die "Assimilierung" auch praktisch überhaupt nicht möglich: "Man wird uns nicht in Ruhe lassen. Nach kurzen Perioden der Duldsamkeit erwacht immer und immer wieder die Feindseligkeit gegen uns." "So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit. Wir sind ein Volk - der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war."

Die Lösung könne nur darin bestehen, die Juden aus den nichtjüdischen Gesellschaften herauszuziehen und ihnen einen eigenen souveränen Staat zuzuweisen. So gesehen lief Herzls Plan selbstverständlich und von der Sache her unvermeidlich parallel zu den Programmzielen der radikalsten Antisemiten, ihre Länder "judenfrei" zu machen.

Herzl sah diese Problematik voraus, zumal hier natürlich ein starkes Argument von jüdischer Seite gegen seine Vorschläge auf der Hand lag. "Ernster wäre der Einwand, daß ich den Antisemiten zu Hilfe komme, wenn ich uns ein Volk, Ein Volk nenne. Daß ich die Assimilierung der Juden, wo sie sich vollziehen will, hindere, und wo sie sich vollzogen hat, nachträglich gefährde, soweit ich als einsamer Schriftsteller überhaupt etwas zu hindern oder zu gefährden vermag."

Sein Gegenargument: Nein, er hindere doch keinen Juden daran, sich individuell zu "assimilieren". Ganz im Gegenteil, auch diesen Juden würde die Verwirklichung seines Judenstaat-Planes nützen. "Sie könnten sich ruhig assimilieren, weil der jetzige Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es ihnen auch glauben, daß sie bis ins Innerste ihrer Seele assimiliert sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen."

Nicht einmal den Einwand, daß bis zur Staatsgründung auch im allergünstigsten Fall noch viele Jahre vergehen würden und die Juden bis dahin weiter unterdrückt, verfolgt und schikaniert würden, wollte Herzl gelten lassen: "Nein, wenn wir auch nur beginnen, den Plan auszuführen, kommt der Antisemitismus überall und sofort zum Stillstand. Denn es ist der Friedensschluß."

Diese Behauptung Herzls ist zweifelsfrei durch den wirklichen Verlauf der Geschichte, bis in die Gegenwart, widerlegt. Und sie war auch schon von vornherein, immanent betrachtet, unlogisch. Denn wenn Herzls Grundthese richtig war, daß der Antisemitismus eine unvermeidliche Folge der Anwesenheit von Juden in einer nichtjüdischen Umgebung war, so konnte er auch durch die Existenz eines jüdischen Staates nicht aufgehoben werden, solange Juden noch außerhalb dieses Staates lebten. Das galt selbstverständlich erst recht, wenn sich in diesem Staat auch langfristig nur eine Minderheit aller Juden der Welt einfinden würde, wie es sich in der Realität ergeben hat - allerdings ganz entgegen Herzls Absichten und Prognosen.

Herzl hat an diesem Punkt offenbar aus taktischen Gründen nicht gemäß seiner eigenen Erkenntnis und Überzeugung argumentieren können. Oft sprach er sogar davon, er wolle doch nur "die überschüssigen jüdischen Proletarier" abziehen - was er in seinem Tagebuch ausdrücklich als Täuschungsmanöver kennzeichnete. Tatsächlich wollte er alle Juden (abgesehen von einem wirklich sehr kleinen Rest) in seinem Staat versammeln, und er ging davon aus, daß von seinem Plan, wenn er erst einmal beginnen würde, praktische Gestalt anzunehmen, zwangsläufige Folgewirkungen ausgehen würden, denen sich dann kaum noch ein Jude entziehen könnte. Das heute zugunsten des Staates Israel geltend gemachte, durchaus plausible Argument, daß er jedenfalls eine höchst zweckmäßige und notwendige Rückversicherung für die Juden in aller Welt darstelle, liegt zu Herzls Vorstellungen konträr. Wahrscheinlich hätte er dafür nur Hohn und Verachtung übrig gehabt.

Herzl ließ im "Judenstaat" die Frage offen, ob für diesen Zweck Palästina oder Argentinien vorzuziehen sei. Man werde schließlich nehmen, was zu haben sei "und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes erklärt".

Argentinien habe, behauptete Herzl, "das größte Interesse daran, uns ein Stück Territorium abzutreten". Andererseits: "Palästina ist unsere unvergeßliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe (das damals noch zum türkischen Reich gehörte), könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte."

Ob Herzl auch nur einen Moment lang wirklich angenommen hat, Argentinien könnte eine Alternative zu Palästina darstellen? Das ist höchst unwahrscheinlich. Aus seinem Tagebuch wissen wir, was Herzl dem Baron Hirsch eigentlich hatte sagen wollen: "Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes - besonders, wenn es so in aller Welt zerstreut ist - macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. (...) Denken Sie doch, was die Juden seit zweitausend Jahren für diese Phantasie ausstehen. Ja, nur das Phantastische ergreift die Menschen. Und wer damit nichts anzufangen weiß, der mag ein vortrefflicher, braver und nüchterner Mann sein, und selbst ein Wohltäter in großem Stil: führen wird er die Menschen nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben." (3. Juni 1895)

"Nächstes Jahr in der Pampa"? - Damit war ganz gewiß kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken. Andererseits ging vom historischen Palästina ein Glanz und Zauber aus, dem sich selbst unter den jüdischen Gegnern des Zionismus die meisten nicht gänzlich entziehen konnten. Übrigens ist zweifelsfrei festzustellen, daß Herzls gesamte private Geheimdiplomatie (die gelegentlich die border line zur plumpen Hochstapelei kreuzte) von Anfang an ausschließlich auf den Erwerb Palästinas ausgerichtet war.

"Autoemancipation"

Theodor Herzl war nicht der Erfinder der Idee vom "Judenstaat". Der Zionismus - das Wort wurde anscheinend erstmals 1890 von Nathan Birnbaum verwendet - hat so zahlreiche Vorläufer, daß es gar nicht möglich ist, sie alle zu erwähnen und die "allerersten" unter ihnen auszumachen. Zevi Hirsch Kalischer beispielsweise, ein rabbinischer Gelehrter, hatte schon 1836 dem damaligen Familienoberhaupt der Rothschilds vorgeschlagen, Palästina den Türken abzukaufen. Moses Hess, ein Sozialist, der mit Karl Marx befreundet war, hatte 1860 in seinem Buch "Rom und Jerusalem" die Gründung eines jüdischen Staates gefordert.

Mehr als alle anderen Projekte weist aber Leon Pinskers Schrift "Autoemancipation", die im September 1882 erstmals veröffentlicht wurde, verblüffend ins Detail gehende Übereinstimmungen mit Herzls "Judenstaat" auf.

Pinsker, 1891 gestorben, war ein polnisch-russischer Jude, hatte Jura und anschließend Medizin studiert, arbeitete die längste Zeit seines Lebens in Odessa, wo auch die "Autoemancipation" erschien, bemerkenswerterweise in deutscher Sprache.

In seiner Interpretation des Antisemitismus war Pinsker sehr viel radikaler als Herzl. Dieser war immer geneigt, von "Gründen" des Antisemitismus zu sprechen und ihn teilweise als (selbstverständlich von Ressentiments geprägten und verzerrten) Reflex auf die jüdische Existenz zu erklären, beispielsweise als Folge einer verstärkten Neueinwanderung. Herzl schrieb schon mal: "Ja, wir sind eine Geißel geworden für die Völker, die uns einst quälten", auch wenn er hinzusetzte: "Freilich leiden wir unter den Leiden, die wir verursachen." (11. Juni 1895)

Pinsker hingegen sah die Begründung des Antisemitismus ausschließlich "im Seelenleben der Völker". "Die Judeophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär (erblich), und als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar." - Aus dem Wesen des Judenhasses als einer "ererbten Verirrung des menschlichen Geistes" ergebe sich die Schlußfolgerung, "daß man auf die Bekämpfung dieser feindseligen Strebungen ebenso verzichten muß, wie auf die Bekämpfung jeder anderen erblichen Disposition." "Wir müssen uns ein für allemal mit der Idee befreunden, daß die anderen Nationen vermöge eines ihnen innewohnenden, naturgemäßen Antagonismus uns ewig ausstoßen werden."

Der erste Schritt müsse, so Pinsker, jetzt darin bestehen, die bereits auf diesem Gebiet arbeitenden Gruppen (die in erster Linie die Emigration osteuropäischer Juden unterstützten) zu einem Nationalkongreß zusammenzubringen. Dieser Kongreß müßte ein Direktorium bilden, dessen zentrale Aufgabe darin bestehen sollte, "ein für unsere Zwecke passendes, möglichst einheitliches und zusammenhängendes Territorium ausfindig zu machen", das für die Ansiedlung von mehreren Millionen Menschen ausreichend sein müßte. Eine vom Direktorium einzusetzende Sachverständigenkommission sollte gründlich untersuchen, welches der in Frage kommenden Territorien - entweder in Nordamerika oder in Vorderasien - das geeignetste für eine jüdische Staatsbildung wäre. In Gemeinschaft mit einem Konsortium von Kapitalisten sollte das Direktorium dann mit dem Ankauf von Land beginnen.

Es gibt zwischen "Judenstaat" und "Autoemancipation" so weitgehende Übereinstimmungen, daß Herzls ausdrückliche Behauptung, er habe Pinskers Schrift vorher nicht gelesen und nicht gekannt, erstaunlich ist. Genau zu der Zeit, als Herzl selbst in Wien studierte, 1882, war dort eine jüdisch-nationalistische Studentengruppe namens Kadimah gegründet worden, die sich ausdrücklich auf Pinsker berief und diesen auch als Ehrenmitglied führte. Die Gruppe gab eine Zeitschrift heraus, die in Anlehnung an Pinskers Schrift "Selbstemanzipation" hieß. Gelegenheit, auf diesen Text zu stoßen, hätte Herzl also damals schon gehabt.
Jedenfalls, nicht Pinsker, sondern Herzl gilt als Gründer der zionistischen Bewegung, und das zu Recht. Aber nicht weil er eine Idee entwickelte, denn diese war alles andere als neu, und sie war auch überhaupt nicht originell, sondern kam aus dem Kern der jüdischen Tradition - was gerade ihre Erfolgsträchtigkeit ausmachte. Daß die teilweise sehr liebevoll ausgemalten Details von Herzls "Judenstaat" ein besonders attraktives Modell darstellten, muß ebenfalls bezweifelt werden. Und schon gar nicht wies die Schrift einen plausiblen, realistisch scheinenden Weg zur Erreichung des hohen Ziels.

Was also hatte Herzl, was Pinsker nicht hatte? Einige Anhaltspunkte dazu:

Erstens hatte Pinsker zu einer Zeit geschrieben, als sich die Massenbewegung der "Liebe zu Zion" unter den osteuropäischen Juden gerade erst zu entwickeln begann, während 1895, dreizehn Jahre später, bereits ein Netz von Strukturen und sozusagen ein gründlich vorbereiteter Boden vorhanden waren.

Zweitens betraf Mitte der 90er Jahre der Antisemitismus auch die Juden der mittel- und westeuropäischen Länder sehr viel stärker und direkter als zu Beginn der 80er Jahre. In vielen Ländern war er zu einer auch parlamentarisch präsententen Massenbewegung und Massenstimmung geworden.

Drittens kam der Popularisierung des "Judenstaats" zugute, daß der Autor zugleich sein eigener PR-Manager, Organisationsleiter und Starredner war. Herzls Motto war denkbar einfach: "Publizität im größten Maßstab. Europa soll darüber lachen, schimpfen, kurz: reden!" (7. Juni 1895)

Nachdem durch die Anfangspublizität erst einmal deutlich gemacht worden war, daß hier ein Mann stand, der in der Öffentlichkeit ernst genommen wurde, rollte das weitere fast im Selbstlauf ab. Vielleicht kann Herzl sogar als Erfinder der Methode "Wie mache ich mit Hilfe der Medien einen Star" gelten; zumindest hat er zu diesem Thema einen wichtigen praktischen Beitrag geleistet.

"Nächstes Jahr in Jerusalem"

Heute kann man oft die Behauptung lesen, Herzls Idee sei bei der übergroßen Mehrheit der Juden, jedenfalls bei denen in den westlichen Ländern, zunächst (und noch jahre- oder sogar jahrzehntelang) auf entschiedene Ablehnung gestoßen.

Gern wird in diesem Zusammenhang noch darauf hingewiesen, daß der erste Zionistische Kongreß (Ende August 1897 in Basel) ja eigentlich in München hätte stattfinden sollen, aber wegen des Protests der jüdischen Gemeinde verlegt werden mußte. Nun ja, das ist nur eine Halbwahrheit, eigentlich noch nicht einmal das. Herzl wollte den Kongreß von Anfang an in der Schweiz durchführen, und zwar am liebsten in Zürich. München wurde von der Mehrheit des Vorbereitungskomitees gegen seinen Willen durchgesetzt, und das mit Argumenten, die ihm nebensächlich oder sogar lächerlich erschienen, wie etwa der Hinweis, in München gebe es mehr koschere Gaststätten.

Der Protest der Münchner Gemeinde kam Herzls also sehr gelegen, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht: "Ich glaube, daß dieser Zwischenfall dem Kongreß sehr nützen wird. Die allgemeine Diskussion wird entbrennen, und wir verlegen die Versammlung vom ungeeigneten München nach dem geeigneten Zürich." (16. Juni 1897) "Ich ging nicht gern nach München (...). Darum benützte ich die kläglichen patriotischen Proteste der Münchner Kultusvorsteher dazu, den Kongreß nach der Schweiz zu verlegen." (22. Juli 1897) - Vorher hatte Herzl noch schnell pro forma bei der bayerischen Regierung anfragen lassen, ob sie "den Kongreß freundlich zu dulden gewillt ist". Antwort: Ja.

Gegen die Idee des "Judenstaats" konnte vom Prinzip her kein Jude Einwände erheben. "Nächstes Jahr in Jerusalem" war zum Pesach-Fest alljährlich in fast jeder jüdischen Familie zu hören.

Man kann sich das vergleichsweise vielleicht so vorstellen, als würde man mit einem Sozialdemokraten über die Idee der sozialen Gerechtigkeit sprechen. Man wird kaum einen finden, der offen die Idee als solche ablehnt, zumal solange man ihm praktisch keinerlei Opfer abverlangt. Nein, das sei eine ganz ausgezeichnete Idee, eigentlich sogar die einzig mögliche, aber leider aus diesen und jenen Gründen derzeit und auf absehbare Zeit nicht zu verwirklichen. Wahrscheinlich sei es auf Grund der menschlichen Natur sowieso illusionär. Jedenfalls müsse man sich im Machbaren einrichten.

Herzl bewegte sich also von Anfang an in einem jüdischen Umfeld, das seiner Idee überwiegend freundlich oder jedenfalls tendenziell gesprächsbereit gegenüberstand. Selbst mit überzeugten Gegnern seiner konkreten Vorschläge gab es oft eine gemeinsame Gesprächsbasis. Halbernste Frozzelei oder taktische Gegenargumente waren viel öfter die Austragsform der Meinungsverschiedenheiten als kalte Feindseligkeit.

Das Verhältnis Herzls zu seinen Chefs, den jüdischen Herausgebern der Wiener "Neuen Freien Presse", bietet für diese Umgangsformen viel Anschauungsmaterial. Angesichts des herrschenden antisemitischen Klimas vermieden sie sorgfältig, geradezu überängstlich jeden Anschein, als sei die NFP eine "Judenzeitung". Selbstverständlich waren sie in großer Sorge, daß es sich äußerst schädlich auswirken würde, wenn ausgerechnet einer ihrer bekanntesten Journalisten mit der Idee eines jüdischen Nationalstaats Furore machte. Und doch ergaben sich dann die sentimentalen Waldspaziergänge, wo man dem Herzl unter vier Augen eingestand, eigentlich habe er ja recht, aber ... aber ...

Oder der Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann. Immer wieder notierte sich Herzl 1895 ins Tagebuch, mit diesem feigen Opportunisten sei er nun aber wirklich endgültig fertig. Dafür nannte der Rabbi den Herzl einen "Operettengeneral". Und verhalf ihm dennoch zu einigen wichtigen Gesprächskontakten, aus denen sich dann die nächsten ergaben, usw. Von Güdemann wurde Herzl beim Vizepräsidenten der französischen Alliance Israélite Universelle (der ältesten und bedeutendsten Hilfsorganisation für osteuropäische Juden), Leven, eingeführt. Der schickte ihn - zusätzlich ausgestattet mit einem weiteren Empfehlungsschreiben Güdemanns - zum Pariser Oberrabbiner Kahn, der gleich zu einem enthusiastischen Anhänger Herzls wurde. Kahn schließlich verschaffte Herzl Zugang zu einigen der einflußreichsten Vertreter der jüdischen Gesellschaft Großbritanniens, von denen sich etliche als Förderer des Zionismus gewinnen ließen.

In den wenigen Monaten zwischen Juli 1895 (als Herzl die Korrespondentenstelle in Paris aufgab und in die Wiener Redaktion der NFP zurückkehrte) und Februar 1896 (als sein Buch herauskam) hatte Herzl bereits ein Netz wichtiger Verbindungen geknüpft, hatte seine Idee in Paris und London vorgetragen, und in Wien war der "Judenstaat" ohnehin schon vor seinem Erscheinen Tagesgespräch.

Der Rest war vor allem Reisetätigkeit, Vorträge und Reden vor Juden aus allen sozialen Schichten, Organisationsarbeit. Im März 1897 fand eine Vorkonferenz statt, auf der alle Strömungen des mit dem Zionismus sympathisierenden Spektrums vertreten waren. In diesem Kreis wurde die Einberufung des ersten allgemeinen Zionistischen Kongresses Ende August 1897 formell beschlossen. Seit Anfang Juni 1897 verfügte Herzl auch über eine eigene Zeitung, "Die Welt", als Informations- und Propaganda-Organ seiner Bewegung.
Was Herzl sich nach dem Basler Kongreß am 3. September 1897 ins Tagebuch notierte, ist heuer anläßlich des hundertsten Jahrestags vielfach zitiert worden. Hier noch einmal: "Fasse ich den Baseler Kongreß in ein Wort zusammen - das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen - so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen."

Und auch dies sei noch zitiert, das Gedicht eines Herrn Heyse, das Herzl am 12. Juni 1895 ahnungsvoll in sein Tagebuch eintrug:
"Ich bebe:
Daß ich hinfahren könnte über Nacht,
Hinfahren, ehe ich dies Werk vollbracht."

Herzl starb am 3. Juli 1904, gerade 44jährig, an einer Herzschwäche, unter der er schon lange gelitten hatte und die vermutlich durch schonungslose Überarbeitung und durch frustierende, persönlich äußerst verletzende Streitereien in der zionistischen Bewegung noch forciert worden war.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 20. November 1997