KNUT MELLENTHIN

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PLO: Wandlungen einer Befreiungsorganisation

Jassir Arafats erster Auftritt vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen: Man muss die Bilder vor sich haben, um zu verstehen, was damals der Begriff "nationale Befreiungsbewegung" bedeutete und welchen enorm hohen politischen Stellenwert er hatte. Es war der 13. November 1974, Arafat war 45 Jahre alt. Der Führer der PLO trug eine helle sandfarbene Uniform und das bald weltweit populäre schwarz-weiße Kopftuch, die Keffija. Die Versammelten erhoben sich von ihren Plätzen und applaudierten lautstark, als Arafat zum Mikrophon ging.

Die letzten Sätze seiner mehrmals von tosendem Beifall unterbrochenen anderthalbstündigen Rede wurden legendär: "Ich rufe Sie auf, unserem Volk zu helfen, seine unabhängige nationale Souveränität über sein eigenes Land zu erringen. Heute bin ich hierher gekommen mit einem Olivenzweig und mit der Waffe des Freiheitskämpfers. Lassen Sie den Olivenzweig nicht meiner Hand entfallen. Ich wiederhole: Lassen Sie den Olivenzweig nicht meiner Hand entfallen. Kriege entbrennen in Palästina, und doch ist es Palästina, wo der Frieden geboren wird."

Arafat war zu dieser Ansprache tatsächlich mit einer Pistole erschienen, die er allerdings vorher abgeben musste. Der PLO-Chef war der erste Vertreter einer Nicht-Regierungs-Organisation, der vor der UN-Vollversammlung sprechen durfte. 105 Mitgliedsstaaten hatten für seinen Auftritt gestimmt, nur vier dagegen. Es war das Jahr der portugiesischen Nelkenrevolution, die zugleich für Angola, Mosambik und Guinea-Bissao den Weg zur nationalen Unabhängigkeit öffnete. Es war auch das Jahr, in dem die Athener Militärjunta gestürzt wurde und Griechenland zur Demokratie zurückkehrte. Ein Jahr zuvor war das Pariser Abkommen unterzeichnet worden, mit dem der US-Imperialismus seinen Rückzug aus Vietnam antrat. Die "nationalen Befreiungsbewegungen", unterstützt von der Sowjetunion und China, waren vermutlich nie so stark und einflussreich wie in jenem Jahrzehnt.

Als Arafat vor die UNO trat, stand er erst seit fünf Jahren an der Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Die PLO war im Juni 1964 durch einen Beschluss der Arabischen Liga ins Leben gerufen worden. In ihrer Anfangszeit war sie vor allem ein gefügiges Instrument des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der sich als Führer einer zu konstituierenden arabischen Nation sah. Der erste PLO-Vorsitzende, Ahmad Schukeiri, erlangte makabren Weltruhm durch den Aufruf, "die Juden ins Meer zu treiben". Obwohl Schukeiri nur drei Jahre lang an der Spitze der Organisation stand, zehrt die zionistische Propaganda von diesem Spruch bis heute.

assir Arafat wurde im Februar 1969 der dritte Vorsitzende der PLO. Inzwischen hatten sich durch Israels Sieg im Juni-Krieg 1967 die Voraussetzungen des palästinensischen Befreiungskampfes entscheidend verändert. Israel hielt nun den vorher von Ägypten verwalteten Gaza-Streifen und die zu Jordanien gehörige Westbank besetzt. Bis dahin hatte sich der Befreiungsanspruch der PLO nur auf Israel selbst bezogen, in dem es lediglich einen arabischen Bevölkerungsanteil von etwa 15 Prozent gab. Die Lage und der Status der Palästinenser unter ägyptischer und jordanischer Herrschaft waren in der Amtszeit von Schukeiri ignoriert worden. Erst aufgrund des Juni-Kriegs kam die PLO zu einem "revolutionären Subjekt" und entwickelte sich zu einer tatsächlich eigenständigen Organisation. Formal wurde sie zu einem Dachverband von rund einem Dutzend Organisationen, real dominierte aber jederzeit die von Arafat geführte Fatah.

Für Israel stellte die PLO, die in den 1967 besetzten Gebieten zunächst nur schwach verankert war, anfangs kein ernstliches Problem dar. Zur Gefahr wurde sie aber für die reaktionären, prowestlichen arabischen Regimes. Der erste große Konflikt entbrannte 1970 in Jordanien, dessen Bevölkerung seit dem ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948-49 mehrheitlich palästinensischer Abstammung ist. Im "schwarzen September" 1970 errangen die Truppen König Husseins mit großer Brutalität einen militärischen Sieg über die bewaffneten Kräfte der PLO. Zehntausende von Aktivisten mussten Jordanien verlassen. Die PLO verlegte ihren Schwerpunkt in den Libanon.

Auch hier war sie aber von Anfang an mit der Frage nach ihrem Verhältnis zu den herrschenden Kräften des Gastlandes konfrontiert. Mitte der 70er Jahre entwickelte sich im Libanon ein Bürgerkrieg, der als Konflikt zwischen rechtsextremen, prowestlichen Christen einerseits und Moslems andererseits begann, aber bald zu einem Kampf aller gegen alle mit ständig wechselnden Bündnissen wurde. Seit 1976 mischte die syrische Armee im Bürgerkrieg mit, im Auftrag der Arabischen Liga und zunächst mit stillschweigendem westlichen Einverständnis. Bestand doch das erste Ziel der syrischen Intervention darin, eine vollständige Niederlage der christlichen Milizen abzuwenden.

Im Juni 1982 hielt Israel den Zeitpunkt für gekommen, mit Zehntausenden Soldaten in den Libanon einzumarschieren, um die PLO zu vernichten, wie ganz offen als Ziel verkündet wurde. Nachdem die israelischen Truppen in wenigen Tagen die palästinensischen Stellungen im Südlibanon aufgerollt hatten, kam es zu einer mehrwöchigen Belagerung Beiruts, wo sich Arafats Hauptquartier befand. Die israelischen Streitkräfte, die sich eine Besetzung der Stadt nicht zutrauten, legten durch permanentes Artilleriefeuer große Teile Beiruts in Trümmern. Um die völlige Zerstörung der Stadt zu verhindern, zogen die PLO-Kämpfer im August 1982 aus Beirut ab. Tunis wurde bis zur Rückkehr Arafats nach Palästina 1996 das neue Hauptquartier der PLO.

Schon mehrere Jahre vor dem israelischen Einfall in den Libanon hatte die PLO eine Änderung ihrer Politik eingeleitet. Die 1974 verkündete Willenserklärung, "auf jedem befreiten Teil Palästinas" eine eigene staatliche Autorität zu errichten, führte zur Abspaltung der sogenannten Ablehnungsfront, die von den vorgeblich fortschrittlichen arabischen Staaten Syrien, Libyen und Irak unterstützt wurde. Der anfangs scheinbar haarspalterische Streit entwickelte sich zu einer umfassenden Neuorientierung der Organisation, in deren Verlauf die PLO 1988 de facto, wenn auch in gewundenen Formulierungen, das Existenzrecht Israels akzeptierte und sich zu einer Zwei-Staaten-Lösung bekannte.

Das ebnete den Weg zu den Oslo-Abkommen in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Am Ende dieser von der politischen Logik her absolut einsichtigen, zwingenden Kompromisse steht jedoch die Vernichtung der PLO als Befreiungsorganisation. Zu einem Kompromiss gehören zwei, aber hier fehlt ihm immer noch ein israelischer Partner. Neben der Erinnerung an Arafats Auftritt in der UNO vor 33 Jahren stehen die bitteren, beschämenden Bilder, die während der israelischen Belagerung seines Hauptquartiers in Ramallah 2002 entstanden. Ohne die epochale Niederlage, die der "real existierende Sozialismus" 1989 erlitt, wären sie kaum möglich, nicht einmal vorstellbar gewesen.

Knut Mellenthin

26. August 2007