KNUT MELLENTHIN

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Schwierige Wahrheitsfindung

Taliban bestreiten Zusammenarbeit mit dem IS und Massenmord an Zivilisten

Eine gemischte Truppe aus Kämpfern der Taliban und des „Islamischen Staates“ soll am Sonnabend ein Dorf in Nordafghanistan überfallen und bis zu 40 oder 50 Bewohner, darunter Frauen und Kinder, ermordet haben. Wenn das stimmen würde, wäre es die erste gemeinsame Operation der beiden verfeindeten Gruppierungen gewesen. Das begründet Anfangszweifel an dieser Geschichte. Außerdem ist der IS zwar mit individuellen Aktivitäten, überwiegend Bombenanschlägen, in mehreren Teilen des Landes aktiv. Aber als militärische Formation ist er bisher nur in der ostafghanischen Provinz Nangarhar und hauptsächlich in deren Bezirk Achin aufgetreten. Dort befindet sich auch der Ort, auf den die US-Luftwaffe im April eine Superbombe abwarf, durch die angeblich 90 IS-Kämpfer getötet wurden.

Taliban-Sprecher haben der Darstellung der internationalen Medien in zwei zentralen Punkten widersprochen. Erstens: Der maßgeblich an der Operation beteiligte Kommandeur Scher Mohammed Ghasanfar, dessen Name in vielen Berichten genannt wurde, gehöre nicht zum „Daesch“. Das ist in vielen muslimischen Ländern die übliche Bezeichnung für den IS. Ghasanfar sei der örtliche Befehlshaber der Taliban in der Provinz Sar-i-Pul, in der das angegriffene Dorf Mirza Walang liegt. Mit dem Daesch gebe es grundsätzlich keine Zusammenarbeit. Zweitens: Es seien keine Zivilpersonen getötet worden, sondern nur Angehörige einer lokalen Miliz im Sold der Regierung. Diese hat dort einen Außenposten, der das Angriffsziel war. Für die Richtigkeit des erstens Punktes spricht, dass bisher keine „Bekennererklärung“ des IS zu dem Vorgang bekannt wurde.

Die Behauptung, dass es sich um eine gemeinsame Operation von Taliban und IS gehandelt habe und dass es ein Massaker an der Dorfbevölkerung gegeben habe, wurde anscheinend zuerst von Sabihullah Amani, dem Sprecher des Provinzgouverneurs von Sar-i-Pul, an die Medien gegeben. Etwas später schloss sich auch der Gouverneur, Sahir Wahdat, dieser Darstellung an. Beide beriefen sich auf nicht namentlich genannte Personen am Ort und im Bezirk. Im Vergleich damit fällt auf, dass die am Sonntag vom Büro des Präsidenten Mohammad Aschraf Ghani verbreitete Presseerklärung weder die Taliban noch den IS erwähnt. Die Rede ist zwar auch dort von einem Massaker, dessen Urheber jedoch nur als „brutale Verbrecher“ und „rücksichtslose Terroristen“ umschrieben werden.

In die Kommentare unterschiedlicher afghanischer Stellen spielen politische und persönliche Widersprüche hinein. Der Erste Vizepräsident, General Abdul Raschid Dostum, veröffentlichte eine Stellungnahme zu den Vorgängen, in der er heftige Vorwürfe gegen die Regierung und die Sicherheitskräfte erhob: Sie seien drei Tage lang – der Angriff hatte schon am Donnerstag begonnen – untätig geblieben, statt sofort Verstärkung zu schicken. Das Gleiche behaupten auch Provinzgouverneur Wahdat und der Chef der Nachbarprovinz Balkh, Atta Mohammad Nur. Wahdat war sein Stellvertreter, bevor er im Oktober 2015 Gouverneur von Sar-i-Pul wurde.

Nur ist Führer der Partei Jamiat-i-Islami und ein enger Verbündeter von Dostum im Kampf gegen die Regierung. Der General, dem aus früheren Jahren schwere Kriegsverbrechen angelastet werden, hält sich seit Mai in der Türkei auf. Er ist dorthin geflohen, um einer Anklage zu entgehen: Er soll die Gefangennahme und Folterung eines politischen Rivalen angeordnet haben. 

Knut Mellenthin

Junge Welt, 9. August 2017