KNUT MELLENTHIN

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Zivilisierter Diskurs

Professor Neve Gordon von der israelischen Ben-Gurion-Universität sieht Parallelen zur McCarthy-Ära in den USA, als nicht nur Linke, sondern auch Liberale als Kommunisten verdächtigt wurden: Drei stramm zionistische Organisationen verbreiten eine schwarze Liste, auf der mehr als 1000 Israelis als „Anti-Zionisten“ namentlich angeprangert werden. Unter ihnen sind Schriftsteller, Journalisten, ehemalige Regierungspolitiker – und rund ein Zehntel aller Akademiker des Landes, wie die Tageszeitung Haaretz am 22. Januar schrieb. Das Blatt zitierte einen Initiator dieser Liste mit der Aussage: Es gehe nicht um Ideologie, sondern um „das Öffentlichmachen der Anti-Israel-Kräfte, die offen den Feind unterstützen“.

Seit im März 2009 eine Koalition von Rechten und Rechtsextremisten die Regierung übernahm, ist die israelische Politik mit zunehmenden Legitimationsschwierigkeiten konfrontiert. Die zionistische Gegenkampagne setzt als Propagandawaffe hauptsächlich Antisemitismusvorwürfe ein. Der Kreis derjenigen, die mit diesem Urteil bedacht werden, wird immer weiter gezogen. Die amerikanisch-israelische Journalistin Caroline Glick schrieb am 19. Januar in der Jerusalem Post, deren stellvertretende Chefredakteurin sie ist: „Antisemitismus ist vielleicht noch nicht der Lackmustest für gesellschaftliche Akzeptanz in den USA, aber ganz gewiss ist er akzeptabel geworden.“

Bezogen auf ein Land, dessen Präsidentschaftsbewerber darum wetteifern, wer von ihnen der bedingungsloseste Freund Israels ist, mutet dieses Urteil einigermaßen seltsam an. Selbstverständlich aber ist Glicks Ansicht über die Europäer noch weitaus härter: Die Medien und die politische Klasse Europas verbrüdern sich mit offenem Antisemitismus, meint sie. Als einen wesentlichen Grund sieht die Journalistin die Beeinflussung des westlichen Diskurses durch die arabischen Medien, unter denen sie namentlich Al-Jazeera hervorhebt. Dass dieser Sender, schon weil er eben arabisch ist, automatisch auch antisemitisch sein müsse, hält Glick offenbar für so selbstverständlich, dass sie es nicht mit einem einzigen Beispiel zu belegen versucht. Und den Beweis, dass arabische Medien überhaupt einen nennenswerten Einfluss auf die „öffentliche Meinung“ in Europa haben, bleibt sie gleichfalls schuldig.

In den USA hat dieser Tage ein ehemaliger Pressesprecher der Pro-Israel-Lobby AIPAC, Josh Block, im Online-Magazin Politico eine weiträumige Umschreibung seines Begriffs von Antisemitismus gegeben. Neben Zweifeln an der herausragenden Bedeutung der Allianz zwischen den USA und Israel und „feindseliger Rhetorik“ gegen die israelische Politik verurteilt Block auch die Vermutung, Iran arbeite nicht an Atomwaffen, als etwas, was in einem „zivilisierten Diskurs“ absolut keinen Platz haben dürfe. So weit war der deutsche Journalist Henryk Broder freilich schon vor ein paar Jahren: Wer der Propaganda über Teherans Griff nach der Bombe nicht glaubt, sei ein „Holocaustleugner“.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 12. Januar 2012