KNUT MELLENTHIN

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Zwischen den Stühlen

Anmerkungen zu Widersprüchen und Risiken der türkischen Außenpolitik


Am 2. September gab die türkische Regierung ihre Entscheidung bekannt, die diplomatische Beziehungen zu Israel auf die Ebene zweiter Sekretäre – der Rang entspricht dem eines deutschen Legationsrats - herunter zu stufen. Der israelische Botschafter in Ankara und sein Stellvertreter bekamen fünf Tage Zeit, das Land zu verlassen. Entsprechend zog die Türkei ihre eigenen Spitzendiplomaten aus Tel Aviv ab. Gleichzeitig kündigte Außenminister Ahmet Davutoglu auf einer Pressekonferenz weitere Maßnahmen an:

  • Alle Vereinbarungen über militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten seien suspendiert.
  • Die Türkei werde alle ihr notwendig erscheinenden Mittel einsetzen, „um die Freiheit der Seefahrt im östlichen Mittelmeer sicherzustellen“.
  • Die türkische Regierung werde dafür sorgen, dass die Rechtmäßigkeit der israelischen Blockade über das Gaza-Gebiet vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag überprüft wird, und werde zu diesem Zweck „Initiativen zur Mobilisierung der UN-Vollversammlung starten“. Daneben werde sie alle türkischen und ausländischen Opfer des israelischen Angriffs auf die Hilfsschiffe für Gaza dabei unterstützen, vor Gericht ihre Rechte einzuklagen.

Die Beziehungen zu Israel könnten nicht wieder normalisiert werden, so lange nicht die „bekannten Forderungen“ der Türkei erfüllt seien. Zur Erinnerung zählte Davutoglu sie noch einmal ausdrücklich auf: Die israelische Regierung müsse eine „formale Entschuldigung“ abgeben und den Angehörigen der am 31. Mai 2010 beim Überfall auf die Mavi Marmara Getöteten Entschädigungszahlungen leisten. Darüber hinaus müsse die über das Gaza-Gebiet verhängte Blockade aufgehoben werden.

Alle beschlossenen und künftigen Maßnahmen seien einzig und allein im Verhalten der derzeitigen israelischen Regierung begründet. „Unser Ziel besteht nicht darin, der historischen türkisch-jüdischen Freundschaft zu schaden oder sie zu gefährden. Im Gegenteil, wir wollen die Regierung Israels ermutigen, ihren Fehler zu korrigieren, der dieser außerordentlichen Freundschaft nicht gut tut.“ (1)

Einige Tage später, am 6. September, konkretisierte der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan, dass mit der Suspendierung der militärischen Zusammenarbeit auch die vollständige Einstellung der umfangreichen Handelsbeziehungen auf diesem Sektor gemeint sei. „Verschiedene weitere Maßnahmen“ würden folgen. Der Premierminister kündigte außerdem an, dass „man unsere Schiffe – aus dem Zusammenhang ging eindeutig hervor, dass Kriegsschiffe gemeint waren – sehr viel häufiger in diesen Gewässern sehen wird“. Die türkischen Marinestützpunkte in Aksaz und Iskenderun – beide an der Südküste, nordwestlich und nordöstlich von Zypern gelegen – hätten „die Kraft und die Möglichkeiten, Eskorten zu stellen“. (2)

Die Bedeutung der türkischen Ankündigungen relativierend schrieb Yossi Melman, der Militär- und Geheimdienstexperte des Blattes, am 6. September in der israelischen Tageszeitung Haaretz:

„Die Verteidigungsbeziehungen mit der Türkei sind bereits auf einem so niedrigen Punkt, dass ein noch tieferer schwerlich vorstellbar ist. Die gemeinsamen Militärübungen der See- und Luftstreitkräfte beider Staaten, die früher eine Routineangelegenheit waren, wurden vor einigen Jahren eingestellt und alle militärischen Verbindungen suspendiert. Im vorigen Jahr wurde die Türkei sogar auf die schwarze Länderliste des Verteidigungsministeriums gesetzt. Dadurch sind alle Exporte militärischer Güter und Verteidigungshilfen Beschränkungen unterworfen. In den besten Tagen der israelisch-türkischen Beziehungen war die Türkei für die israelische Verteidigungsindustrie das dritt- oder viertwichtigste Land, nach den USA, Indien und der EU. Insgesamt machten die Ausrüstungsexporte (in die Türkei) im letzten Jahrzehnt über drei Milliarden Dollar aus.“ (3)

Tatsächlich ist die zeitweise sehr enge militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern erheblich eingeschränkt, seit Ankara den israelischen Partner von einer internationalen Übung verschiedener Luftstreitkräfte ausschloss, die regulär im Oktober 2009 auf türkischem Territorium stattfinden sollte. Daraufhin verweigerten die USA und Italien die Teilnahme, so dass die Türkei sich zur Absage der Übung entschloss. Das türkische Vorgehen wurde in erster Linie auf die israelische Operation Cast Lead gegen das Gaza-Gebiet im Dezember 2008 und Januar 2009 zurückgeführt.

Am selben Tag, an dem die türkische Regierung die Reduzierung der Beziehungen zu Israel bekanntgab, also am 2. September, teilte sie der internationalen Öffentlichkeit eine weitere Entscheidung mit, die die Spannweite und Widersprüchlichkeit ihrer Außenpolitik deutlich zum Ausdruck brachte: Als Teil des „Raketenabwehr-Programms“ der NATO soll in der Türkei ein Radarsystem errichtet werden. Nach amerikanischen Angaben könnten die Anlagen schon Ende dieses Jahres in Betrieb genommen werden. Sie würden dann zunächst mit US-Kriegsschiffen in Verbindung stehen, die im Mittelmeer stationiert und mit Abwehr-Raketen ausgestattet sind. Weitere Raketen sollen 2015 in Rumänien und 2018 in Polen stationiert werden.

In einer Stellungnahme des türkischen Außenministeriums vom 2. September wird die Errichtung des Radar-Frühwarnsystems bezeichnet als „unser Beitrag zu dem Verteidigungssystem, das innerhalb des neuen strategischen Konzepts der NATO entwickelt wird“. Dadurch werde gleichzeitig auch „unser nationales Verteidigungssystem gestärkt“. In der regierungsnahen türkischen Zeitung Today's Zaman wurde sogar ein anonymer „Offizieller“ mit der vollmundigen Aussage zitiert, das Radarsystem werde „zur regionalen und globalen Sicherheit und zu den Abrüstungsbemühungen im Allgemeinen beitragen“. (4) Die New York Times schließlich ließ einen ebenso namenlosen „höheren Regierungsbeamten“ der USA sagen, es handele sich „vermutlich um die größte strategische Entscheidung zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei in den vergangenen 15 bis 20 Jahren“. (5)

Grundsätzlich hatte die Türkei der NATO-“Raketenabwehr“ schon beim Lissaboner Gipfeltreffen der westlichen Allianz im November 2010 zugestimmt und einen eigenen „Beitrag“ zugesagt. Der einzige Einwand richtete sich dagegen, in diesem Zusammenhang einzelne Länder – gemeint war selbstverständlich Iran – als Ausgangspunkt der angeblichen Raketengefahr namentlich zu nennen. „Die Türkei kann sich nicht an einem Vorhaben beteiligen, das sich gegen ein spezielles Land richtet“, sagte Präsident Abdullah Gül kurz vor dem Abflug in die portugiesische Hauptstadt. Die NATO sei ein Bündnis zur Verteidigung ihrer Mitglieder und keine Organisation „zur Einschüchterung und Bedrohung“. (6)

Die türkische Regierung behauptet nun, sie habe ihren Standpunkt weitgehend durchgesetzt. (7) Richtig ist daran aber lediglich, dass in den offiziellen Erklärungen, die anlässlich der Zustimmung zur Stationierung des Radarsystems abgegeben wurden, die Nennung Irans konsequent vermieden wurde. Andererseits lässt die US-Regierung aber schon seit Jahren weltweit ausschreien, dass sich das „Raketenabwehr“-Programm ausschließlich gegen Iran – und nebenbei auch ein bisschen gegen das weit entfernte Nordkorea – richte, und sie wird das zweifellos auch künftig tun. Zumal, da dies ein wesentliches Argument oder wohl viel mehr Schein-Argument gegen die russische Kritik an dem Projekt ist.

Entsprechend scharf ist die iranische Kritik am türkischen Verhalten. Verteidigungsminister Ahmad Wahidi erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Fars: „Wir betrachten die Anwesenheit der USA und des Westens in einem islamischen Land als beunruhigende, schädliche Entwicklung, die die Sicherheit der islamischen Nationen untergräbt. (…) Wir halten westliche Präsenz in irgendeinem Land, ganz besonders in islamischen Ländern, nicht für etwas, was den Interessen dieser Länder dient.“ (8) Die iranische Tageszeitung Jomhuri Islami warnte, dass die türkischen Politiker trotz ihrer „Flexibilität“ nicht mit einem entsprechenden Entgegenkommen des Westens rechnen könnten. „Die Türkei glaubt, dass ihr diese Flexibilität auf lange Sicht zugute kommen könnte, aber das wirkliche Ziel der Stationierung des NATO-Radarsystems besteht darin, die iranische Luftwaffe auszuspionieren und zu überwachen.“ Die türkische Regierung, so kritisierte das Blatt, „hätte nicht zustimmen dürfen, ihre Grenze zum Iran zu einer feindlichen zu machen“. „Ankara glaubte, durch sein Verhalten gegenüber dem Westen seine Interessen zu sichern, aber der Palmer-Bericht (Anm.: zum israelischen Überfall auf die Mavi Marmara) beweist, dass Ankaras sämtliche Erwartungen und Überzeugungen bezüglich der Region vollständig zusammengebrochen sind. Die Türkei hat anscheinend vergessen, dass sie es mit Regierungen zu tun hat, denen es leicht fällt, die Wirklichkeit zu leugnen und sogar das Gegenteil zu behaupten.“ (9)

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Mehr sagte Generalmajor Jahja Rahim-Safawi, der als militärischer Berater von Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei gilt: „Das Verhalten der türkischen Staatsmänner gegenüber Syrien und Iran ist falsch. Ich glaube, dass sie in Übereinstimmung mit den Zielen Amerikas handeln. (…) Wenn die türkische Regierung sich nicht von diesem ungewöhnlichen politischen Verhalten distanziert, wird sich zuhause das Volk von ihr abwenden und ihre Nachbarländer Syrien, Irak und Iran werden ihre politischen Verbindungen überprüfen.“ (10)

Präsident Mahmud Ahmadinedschad brachte die Teheraner Sorgen über die „falsche Entscheidung unserer türkischen Freunde“ in einer Fernsehansprache konkret auf den Punkt: Der „Raketenschild“ solle das israelische Territorium vor iranischen Gegenschlägen schützen, „wenn sie eines Tages gegen uns vorgehen“, also den Iran militärisch angreifen. Mit der Stationierung schade die Türkei sich selbst, aber „solche Schutzschilde können den Zusammenbruch des zionistischen Regimes nicht verhindern“. (11)

Eine zentrale Frage ist in diesem Zusammenhang, ob die von dem künftig in der Türkei stationierten Radarsystem ermittelten Daten direkt an das israelische Militär weitergeleitet werden. Türkische „Regierungsbeamte“, die aber stets im Schutz der Anonymität bleiben, versuchen über die Medien zu suggerieren, dass genau das dank der standhaften Verhandlungsführung Ankaras nicht der Fall sein werde. Andererseits versichern US-amerikanische „Offizielle“, die in der Regel aber auch nicht den Schatten der Namenlosigkeit verlassen, dass Israel selbstverständlich Zugriff auf die Daten haben werde.

Aus Sicht der derzeitigen US-Regierung, die es mit keinem ihrer beiden wichtigen Bündnispartner in der Region verderben will, könnte es vermutlich bei dieser nicht absolut klar und amtlich formulierten Lage bleiben. Schließlich ermöglicht sie es allen drei Beteiligten einigermaßen, das Gesicht ebenso wie ihre Interessen zu wahren – oder wenigstens so zu tun. Dieser Wunsch wird aber von der Pro-Israel-Lobby durchkreuzt, die aggressiv auf öffentliche und verbindliche Klarstellung drängt. In einem Brief an Präsident Barack Obama forderten sechs einflussreiche Senatoren aus beiden Parteien am 19. September von der Administration eine „schriftliche Zusicherung, dass die Daten, die von den in der Türkei stationierten US-Radaranlagen gesammelt werden, in Echtzeit an den Staat Israel übermittelt werden, um dessen Verteidigung gegen einen eventuellen iranischen Raketenangriff zu stärken“. (12) Unterschrieben ist der Brief von den Demokraten Charles („Chuck“) Schumer, Mark Warner und Joe Manchin, vom Unabhängigen Joe Lieberman sowie von den Republikanern Mark Kirk und Scott Brown.

In dem Schreiben der sechs Senatoren wird darüber hinaus geklagt, dass „die jüngsten außenpolitischen Entscheidungen der türkischen Regierung“ - sieben Punkte, darunter die Reduzierung der diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Tel Aviv werden aufgezählt - „ihre Bündnistreue zur NATO in Frage stellen, die regionale Stabilität bedrohen und die Interessen der USA untergraben“. Erdogan habe „hastig ein halbes Jahrhundert türkisch-israelischer Zusammenarbeit bendet“, sei „zur offenen Konfrontation mit Israel übergegangen“ und entwickle stattdessen „engere Beziehungen zum Iran und dessen anti-westlichen Vasallen“. An Obama richten die Unterzeichner die Aufforderung, „eine diplomatische Offensive zu starten, um diesen Kurs grundlegend zu revidieren“. Der Präsident möge Erdogan bei allernächster Gelegenheit klar machen, dass seine Politik die Unterstützung der Türkei durch den Kongress erschüttere und dass seine „derzeitige schlecht beratene Politik gegenüber dem Staat Israel“ sich negativ auf die amerikanisch-türkischen Beziehungen sowie die künftige Rolle seines Landes in der NATO auswirken werde.

Ebenfalls am 19. September wurde ein weiterer Brief an Obama, diesmal mit den Unterschriften von 14 Senatoren – darunter wiederum Lieberman, Schumer und Kirk – veröffentlicht. (13) In diesem Brief wird Erdogans „Anti-Israel-Rhetorik“, die „schädlich für das Ansehen der Türkei in den Vereinigten Staaten“ sei, in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Vorstoß von Präsident Mahmud Abbas zur Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die UNO und den Sturm von Demonstranten auf die israelische Botschaft in Kairo (am 10. September) gebracht. Die US-Regierung müsse „klar machen, dass wir fortgesetzte Drohungen von Regierungen oder Personen in der Region gegen Israel nicht dulden können“ und dass „Gewalt und Einseitigkeit gegen Israel auf allerstärksten Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen werden“. „Die Welt muss von Ihnen unmissverständlich zu hören kriegen, dass Israel – unser Freund, Verbündeter und strategischer Partner – diesen Bedrohungen nicht allein gegenübersteht.“

Zwei der unterzeichnenden Senatoren, Jon Kyl und Mark Kirk, hatten schon am 12. Juli öffentlich in Frage gestellt, ob die Stationierung der Radaranlagen in der Türkei überhaupt der richtige Weg sei,“um die beste Verteidigung der USA gegen die Bedrohung durch iranische Langstreckenraketen zu gewährleisten“. Analysen sprächen dafür, dass Georgien und Aserbaidschan bessere Standorte wären. Auf jeden Fall, so forderten Kyl und Kirk in einem Brief an Verteidigungsminister Leon Panetta und Außenministerin Hillary Clinton (14), müsse gesichert sein, dass alle Daten in Echtzeit an Israel weitergegeben werden, damit dieses sie vollständig in seine eigenen Kontroll- und Kriegsführungssysteme integrieren könne. („to be fully integrated into its battle management command and control“) Außerdem dürften die Anlagen ausschließlich von US-amerikanischem Personal bedient werden und müssten – von Wartungszeiten abgesehen – ständig rund um die Uhr in Betrieb sein.

In Kommentaren zur Außenpolitik der AKP, die seit der Wahl vom 3. November 2002 die Türkei regiert, werden gelegentlich die Auswirkungen der zunehmend konfrontativen Haltung Ankaras gegenüber Israel auf die Beziehungen zu den USA – und möglicherweise auch zur EU – ignoriert oder stark unterschätzt. Zwar ist die Administration unter Obama offensichtlich bemüht, die Widersprüche zwischen ihren beiden Hauptpartnern in der Region zu einer Art konjunktureller Verstimmung herunterspielen. Typisch dafür ist die Aussage des US-Präsidenten bei einem Treffen mit Erdogan im September: „Die Türkei ist ein NATO-Verbündeter, ein großartiger Freund und Partner bei einer ganzen Reihe von Themen. Ich möchte ihm – Erdogan – für all die Arbeit danken, die wir zusammen geleistet haben: die Kooperation in Afghanistan – wo die Türkei eines der stärksten Truppenkontingente stellt -, die Arbeit, die wir gerade kürzlich getan haben, indem wir Libyen die Freiheit verschafften, und darüber hinaus die Verpflichtungen im Rahmen der NATO, die wir beide gemeinsam tragen und die jüngst ihren Ausdruck in der Zustimmung der Türkei zur Stationierung eines Raketenabwehr-Radars fanden.“ (15)

Wenn man die Dinge lediglich abstrakt, losgelöst von den innenpolitischen Konstellationen und Widersprüchen der USA betrachtet, kann man recht schnell und kurzschlüssig zu der Einschätzung kommen, dass die außenpolitischen Sonderwege der Türkei unter Erdogan und seinem Außenminister Ahmet Davutoglu – der dieses Amt allerdings erst seit Mai 2009 hat – insbesondere für die Vereinigten Staaten, aber darüber hinaus auch für das gesamte westliche Bündnis durchaus einige Vorteile bieten, die man mit den Begriffen der Arbeitsteilung und des Spiels mit verteilten Rollen beschreiben könnte. Das gilt unter anderem auch für die seltsame, nicht ganz klar definierte Position, die die Türkei als Patron, Gastland, Fürsprecher und Förderer der syrischen „Opposition“ einnimmt.

Dass die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel derzeit schwer gestört – und eigentlich schon seit mehreren Jahren, spätestens seit der zionistischen Aggression gegen das Gaza-Gebiet Ende 2008/Anfang 2009, auf der abschüssigen Bahn – sind, scheint für die US-Administration aushaltbar. Zumindest gilt das, so lange sich die Widersprüche zwischen der Türkei und Israel nicht so drastisch zuspitzen, dass eine eindeutige Parteinahme, nicht nur durch Worte, sondern auch durch konkrete Maßnahmen, absolut unvermeidbar würde.

Das ist indessen nur die theoretische Seite der Sache. In der Wirklichkeit orientiert sich die US-Politik aber nicht allein daran, was bei einer umfassenden und genauen Analyse als „strategisch vernünftig“ erscheinen könnte und müsste, sondern auch und manchmal sogar mehr noch an innenpolitischen Konstellationen und taktischen Zwängen. In diesem Fall heißt das: Vor dem Hintergrund einer insgesamt zunehmend schwierigen und komplizierten Lage des Staates Israel hat der relativ selbstständige Kurs der Türkei die pro-zionistische Lobby schon seit einiger Zeit in Alarmstimmung versetzt.

Inzwischen hat in den USA eine systematische Stimmungsmache gegen die Türkei begonnen, die am rechten Rand bis zu den antimuslimischen Blogs reicht, wo man ohnehin die Türken immer noch vor den Toren Wiens vermutet und der AKP die Absicht unterstellt, das Osmanische Reich wiederherzustellen, wenn nicht gar das islamistische Weltkalifat per Dschihad errichten zu wollen. Schon im Mai und Juni vorigen Jahres, nach dem israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsschiffe, meldeten sich zahlreiche Senatoren und Abgeordnete des US-Kongresses mit der Forderung zu Wort, „die Türkei zur Rechenschaft zu ziehen“. Unter den besonders aggressiven Agitatoren sind auch etliche Neokonservative, die vor wenigen Jahren – als zwischen Ankara und Tel Aviv noch intensiv und problemlos kooperiert wurde – ständig als Interessenvertreter der Türkei auftraten. Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass der seinerzeitige Vordenker der Neocons, Richard Perle, in den 1990ern Jahren ganz offiziell als Lobbyist für die türkische Regierung arbeitete. (16)

Dass die selben Politiker, die damals alle Hebel in Bewegung setzten, um eine Kongress-Resolution gegen den „Völkermord an den Armeniern“ (während und kurz nach dem ersten Weltkrieg) zu vereiteln, jetzt genau dieses Projekt als Droh- und Strafmittel gegen Ankara nutzen wollen, gehört zu den vergleichsweise geringfügigen Kollateralschäden der AKP-Außenpolitik. Ernster nimmt man in der Türkei die Vorstöße der Pro-Israel-Lobby gegen die Lieferung bestimmter amerikanischer Waffensysteme. Dazu sollen unter anderem bewaffnete Drohnen gehören, die das türkische Militär gern zur Bekämpfung kurdischer Aufständischer einsetzen würde. (17)

Obama, auf den im nächsten Jahr ein Wahlkampf zukommt, wird sich auf Dauer nicht dem wirksamen Vorwurf aussetzen können, er agiere gegenüber der AKP-Regierung „zu weich“, toleriere deren „feindselige Haltung gegen den Staat Israel“ und lasse den besten, wertvollsten und zuverlässigsten Verbündeten der USA in der Stunde der Anfeindungen und Gefahren schmählich in Stich.

Damit käme für die Türkei der Punkt, wo zwischen verschiedenen widersprüchlichen Aspekten ihrer Außenpolitik klare Entscheidungen unvermeidlich würden. Derzeit scheint es so, als hätte die AKP Verbündete insbesondere in Teheran und Damaskus vor den Kopf gestoßen, ohne sich dafür jedoch wirklich zuverlässig und auf lange Sicht die Gunst Washingtons sichern zu können.

Knut Mellenthin

30. Oktober 2011. Erschienen in "Hintergrund" 1/2012.

Anmerkungen

1) Press statement by H.E. Mr. Ahmet Davutoğlu, Minister of Foreign Affairs of the Republic of Turkey, regarding Turkish-Israeli relations, 2.9.2011

www.mfa.gov.tr/press-statement-by-h_e_-mr_-ahmet-davutoglu_-minister-of-foreign-affairs-of-the-republic-of-turkey_-regarding-turkish-israeli-re.en.mfa

2) Turkey Raising Naval Presence Amid Tension With Israel. Reuters, 6.9.2011http://www.reuters.com/article/2011/09/06/us-turkey-israel-erdogan-idUSTRE78522420110906

3) Yossi Melman: Turkey's suspension of trade with Israel is a double-edged sword. Haaretz, 6.9.2011

www.haaretz.com/blogs/the-arms-race/turkey-s-suspension-of-trade-with-israel-is-a-double-edged-sword-1.382935

4) Ankara says it agreed to host early warning radar. Today's Zaman, 2.9.2011

www.todayszaman.com/newsDetail_getNewsById.action

5) U.S. Hails Deal With Turkey on Missile Shield. New York Times, 15.9.2011

www.nytimes.com/2011/09/16/world/europe/turkey-accepts-missile-radar-for-nato-defense-against-iran.html

6) Turkey wary of Nato missile shield. Al-Jazeera, 19.11.2010

english.aljazeera.net/news/europe/2010/11/201011191655387515.html

7) Ankara says it agreed to host early warning radar. Today's Zaman, 2.9.2011

8) Iran Daily Brief, 7.9.2011. Original in Farsi.

www.irandailybrief.com

9) Ebenda. Original in Farsi.

10) Iran tells Turkey: change tack or face trouble. Reuters, 8.10.2011

af.reuters.com/article/worldNews/idAFTRE7970XB20111008

11) Ahmadinejad: Missile shields won't prevent collapse of Zionist regime. Haaretz, 5.10.2011

www.haaretz.com/news/middle-east/ahmadinejad-missile-shields-won-t-prevent-collapse-of-zionist-regime-1.388274

12) Vollständige Wiedergabe des Briefes auf der Website von Senator Mark Kirk, 20.9.2011.

kirk.senate.gov

13) Vollständige Wiedergabe des Briefes auf der Website von Senatorin Kirsten Gillibrand, 19.9.2011.

gillibrand.senate.gov/newsroom/press/release/

14) Vollständige Wiedergabe des Briefes bei foreign policy.

www.foreignpolicy.com/files/fp_uploaded_documents/110713_Turkey%20TPY-2%20Letter%20to%20Clinton%20and%20Panetta.pdf

15) Remarks by President Obama and Prime Minister Erdogan of Turkey before Bilateral Meeting. Website des Weißen Hauses, 20.9.2011

m.whitehouse.gov/the-press-office/2011/09/20/remarks-president-obama-and-prime-minister-erdogan-turkey-bilateral-meet

16) Mark Hackard: The Israel Lobby's Turkish Connection. Alternative right, 7.6.2010

www.alternativeright.com/main/blogs/exit-strategies/the-israel-lobby-s-turkish-connection/

Luke Ryland: Richard Perle continues criminal enterprise. Opednews.com, 20.8.2008

www.opednews.com/articles/Sibel-Edmonds-Case-Richar-by-Luke-Ryland-080820-726.html

17) USA lieferten Zieldaten für türkische Angriffe auf Kurden. Spiegel, 16.9.2011

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786304,00.html