KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Leichtverderbliches

Pakistan lässt liegen gebliebenen NATO-Nachschub für den Afghanistankrieg ausfliegen.

Die NATO-Besatzungstruppen in Afghanistan erhalten wieder Nachschub aus dem Nachbarland Pakistan. Mit diesem Eingeständnis hat die Regierung in Islamabad am Dienstag nach anfänglichem Leugnen Meldungen aus der vorigen Woche bestätigt.

Normalerweise läuft ungefähr ein Drittel des Nachschubs für den Afghanistankrieg über den pakistanischen Hafen Karachi und von dort weiter mit Last- und Tankwagen zu den Grenzübergängen Torkum am Khyberpass oder Chaman in Belutschistan. Ein zweites Drittel wird über die Nordroute durch mehrere Nachfolgestaaten der Sowjetunion transportiert. Der Rest, vor allem das sogenannte letale Material wie Waffen und Munition, wird direkt nach Afghanistan geflogen. Torkum und Chaman sind jedoch für die NATO gesperrt, seit am 26. November bei einem US-Luftangriff auf pakistanische Stellungen an der Grenze 24 Soldaten getötet wurden. Nur das Parlament in Islamabad, so wurde es schon vor mehreren Wochen explizit und eindeutig festgelegt, darf im Rahmen einer umfassenden Neuordnung der Beziehungen zu den USA eventuell eine Entscheidung über die Wiederaufnahme der Nachschubtransporte treffen.

Es sorgte daher für großes Aufsehen, als der US-Botschafter in Pakistan, Cameron Munter, am vorigen Donnerstag in einem Gespräch mit Journalisten eher beiläufig die Bemerkung fallen ließ, dass der NATO-Nachschub nun durch den pakistanischen Luftraum abgewickelt werde. Am folgenden Tag lieferte Innenminister Rehman Malik auf einer Sitzung des Senats ein „kategorisches“ Dementi ab. Die Transporte seien weder von pakistanischen Flughäfen noch Militärstützpunkten aus wieder aufgenommen worden. Weder Premierminister Yousuf Raza Gilani noch Präsident Asif Ali Zardari hätten eine entsprechende Anweisung erteilt.

Möglicherweise hatte Malik mit dieser Aussage nicht einmal die Unwahrheit gesprochen. Jedenfalls kam die Bestätigung von Munters Bemerkung am Dienstag aus dem Verteidigungsministerium. Dessen Chef Ahmed Mukhtar ließ mitteilen, dass er den USA die Erlaubnis zum Ausfliegen von Lebensmitteln gegeben habe, die aufgrund der Sperrung der Grenzübergänge liegen geblieben waren. Er begründete das damit, dass diese Güter verderblich seien. Gleichzeitig habe man die US-Regierung aber auch aufgefordert, vorläufig keinen weiteren Nachschub dieser Art nach Pakistan zu schaffen. „Die Entscheidung über die volle Wiederaufnahme aller Arten von Lieferungen ins Nachbarland bleibt beim Parlament“, versicherte Mukhtar. Streng genommen hätte dieses aber wohl auch schon mit den vom Verteidigungsministerium angeordneten Teilmaßnahmen befasst werden müssen.

Wohlwollend interpretiert dient das Ausfliegen der lagernden Lebensmittel – in das laut einigen Meldungen auch medizinischer Nachschub einbezogen wird – der längst überfälligen Entlastung des Hafens von Karachi, wo sich seit fast drei Monaten riesige Mengen von Containern angesammelt haben. Das pakistanische Vorgehen deutet aber auch darauf hin, dass eine umfassende „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Islamabad und Washington in sehr naher Zukunft bevorsteht. Noch in dieser Woche wird mit General James Mattis, dem Chef des US-Streitkräftekommandos Mitte, erstmals seit dem 26. November wieder hochrangiger Besuch aus den Staaten erwartet. Die Wiederaufnahme der Drohnenangriffe am 10. Januar hatten Regierung und Opposition Pakistans ohne große Beschwerden hingenommen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 16. Februar 2012