KNUT MELLENTHIN

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Obama-Ratgeber: Angriffe auf Pakistan ausweiten

Die US-Regierung diskutiert über eine Ausweitung ihres kaum noch als „verdeckt“ zu bezeichnenden Krieges in Pakistan. Rund 40 mal schossen seit August vorigen Jahren unbemannte amerikanische Flugzeuge, sogenannte Drohnen, Raketen auf Ziele in den nordwestpakistanischen „Stammesgebieten“ ab. Sechs dieser Angriffe erfolgten nach der Amtseinführung Obamas am 20. Januar. Fast alle Militärschläge richteten sich gegen die Region Wasiristan; erst in jüngster Zeit gab es zwei Angriffe gegen den Bezirk Kurram, der schnabelförmig nach Afghanistan hineinragt. Dabei wurden am 16. Februar 30 und am 12. März 25 Menschen getötet.

Wie die New York Times am 17. März berichtete, fordern führenden US-Militärs jetzt, sich bei diesen Aktionen nicht mehr auf die “Stammesgebiete” zu beschränken, sondern auch die über 1000 Kilometer weiter südlich gelegene Hauptstadt der Provinz Balutschistan, Quetta, einzubeziehen. Angeblich haben sich zahlreiche Kämpfer der afghanischen und pakistanischen Taliban, darunter auch maßgebliche Führer der Aufstandsbewegung, dorthin zurückgezogen. Sie werden in den Flüchtlingslagern in der Umgebung von Quetta und in den mehrheitlich von Afghanen bewohnten Vierteln der Stadt vermutet. Wie weit das zutrifft, ist unklar. Bekannt ist aber, dass Quetta während des von den USA finanzierten Krieges der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetische Militärintervention die frontnahe Schaltstelle der amerikanischen und pakistanischen Geheimdienste war.

Beobachter weisen darauf hin, dass Angriffe auf Ziele in und um Quetta mit einem hohen Risiko von Verlusten unter der Zivilbevölkerung verbunden wären. Außerdem würde die Ausweitung des Krieges auf Balutschistan, also eine der vier Provinzen des Landes – die „Stammesgebiete“ haben einen speziellen Status – die ohnehin starke Abneigung der pakistanischen Bevölkerung gegen das Vorgehen der USA noch steigern. Quetta hat nach neuester Schätzung 860.000 Einwohner. Überwiegend sind es, wie in den „Stammesgebieten“ und im angrenzenden Teil Afghanistans, Paschtunen. In Balutschistan gibt es bisher keine ins Gewicht fallende islamistische Aufstandstätigkeit, wohl aber eine militante separatistische Nationalbewegung, die durch spektakuläre Anschläge von sich reden macht.

Die erste pakistanische Reaktion auf die Meldung der New York Times fiel knapp und ausweichend aus: „Wir haben den Bericht gesehen“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Abdul Basit, am Mittwoch. „Er scheint spekulativ zu sein, und wir können zu Spekulationen keinen Kommentar abgeben.“ Offiziell hat die Regierung in Islamabad bisher die Drohnen-Angriffe der USA als Verletzung der pakistanischen Souveränität und als politisch kontraproduktiv verurteilt. Viele Pakistanis sind aber überzeugt, dass ihre Regierung mit dem amerikanischen Vorgehen einverstanden ist und Beihilfe durch Weitergabe von Informationen, vielleicht sogar durch Bereitstellung eines Stützpunkts, leistet.

Wie die New York Times ebenfalls am Mittwoch berichtete, wird in der US-Führung auch diskutiert, ob Obama die Geheimbefehle seines Vorgängers vom Sommer 2008 bestätigen soll. George W. Bush hatte damals auch Bodenoperationen auf pakistanischem Gebiet grundsätzlich legalisiert.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 19. März 2009