KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Obama setzt weiter auf Drohnen

Wieder ein Angriff gegen Nordwasiristan. Pakistanisches Verteidigungsministerium „korrigiert“ Opferzahlen weit nach unten.

Mindestens drei Menschen wurden in der Nacht zum Donnerstag bei einem US-amerikanischen Drohnenangriff in Nordwestpakistan getötet und ebenso viele verletzt. Schauplatz der Operation, bei der zwei Raketen auf ein Gebäude abgeschossen wurden, war ein Dorf in der Umgebung von Miranshah, der Hauptstadt des Bezirks Nordwasiristan. Anonyme Quellen in den pakistanischen Sicherheitskräften behaupteten der Routine entsprechend, dass es sich bei den Opfern ausschließlich um mutmaßliche „militants“, also bewaffnete Kämpfer, gehandelt habe, ohne sie irgendeiner Gruppierung zuzuordnen.

Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif war am vorigen Mittwoch von Barack Obama im Weißen Haus empfangen worden. Nach eigenen Angaben hatte er bei dieser Gelegenheit den US-Präsidenten aufgefordert, die Drohneneinsätze gegen Ziele in Pakistan einzustellen, da sie die Souveränität seines Landes verletzten und politisch kontraproduktiv seien. Obama hatte das heikle Thema bei der anschließenden gemeinsamen Pressekonferenz nur mit leeren Phrasen ganz kurz gestreift. Der gestrige Angriff, es war der vierundzwanzigste in diesem Jahr, stellt seine praktische Antwort auf Sharifs Appell dar. Das scheint die Kritik der oppositionellen PTI zu bestätigen, dass der Premier die pakistanische Position allzu bescheiden und unterwürfig vorgetragen habe.

Ganz sicher nicht hilfreich war eine am Mittwoch veröffentlichte Statistik des pakistanischen Verteidigungsministeriums, die mit überraschenden, völlig neuen Zahlen aufwartete. Danach sollen bei sämtlichen Drohnenangriffen der letzten fünf Jahre „nur“ 67 Zivilisten getötet worden sein. Gegenüber UN-Vertretern hatte die pakistanische Regierung im März die Zahl der seit Beginn der Angriffe, 2004, getöteten Zivilpersonen mit mindestens 400, möglicherweise bis zu 600 angegeben. Rund 85 Prozent aller bewaffneten Drohneneinsätze gegen Pakistan fanden in der Amtszeit von Obama statt.

Die Angaben gegenüber der UNO stellten die erste derartige Auskunft einer pakistanischen Regierung zum Gesamtumfang der Angriffe und ihrer Folgen dar. Was die jetzt erfolgte „Korrektur“ nach unten durch das Verteidigungsministerium – und damit vor allem durch das in Pakistan sehr einflussreiche Oberkommando der Streitkräfte – veranlasst hat, kann nur vermutet werden.

Das Ministerium folgte jetzt sogar der unglaubwürdigen Behauptung der US-Regierung, im laufenden Jahr ebenso wie im vorigen sei nicht eine einzige Zivilperson durch Drohnen getötet worden. Wenn das wahr wäre, würde die damals 67jährige Momina Bibi noch leben, die am 24. Oktober 2012 bei der Gartenarbeit in einem Dorf Nordwasiristans von der Rakete eines unbemannten Flugkörpers zerfetzt wurde. Ihr Sohn Rafiq Rahman, ein Grundschullehrer, war zusammen mit seiner neunjährigen Tochter Nabila und seinem dreizehnjährigen Sohn Zubair in den vergangenen Tagen auf Einladung des demokratischen Kongressabgeordneten Alan Grayson in den USA, um über den Tod seiner Mutter zu berichten.

Neben zahlreichen Interviews traten die drei Paschtunen am Dienstag auch bei einem sogenannten „Briefing“ des Kongresses auf, das formal unterhalb eines offiziellen Hearings rangiert. Außer Grayson mochten sich nur noch vier andere Kongressmitglieder, auch sie alle Abgeordnete der Demokratischen Partei, die Mühe und Qual antun, sich über die Folgen der Drohnenangriffe aus erster Hand zu informieren. Sie hörten, wie die Furcht vor den furchtbaren Raketen der Flugkörper, von denen oft mehrere viele Stunden lang über den Dörfern kreisen, das Leben der Bevölkerung bestimmt und vergiftet. Obama, der sich erst kürzlich mit dem Empfang des 16jährigen Taliban-Opfers Malala schmückte, ignorierte die Gelegenheit, die neunjährige Nabila Rahman ebenfalls ins Weiße Haus einzuladen. Sie verlor bei dem Angriff nicht nur ihre Großmutter, sondern wurde auch selbst erheblich durch Splitter verletzt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 1. November 2013