KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Pakistan: Drei Offensiven und kein Ende

Die Gefangennahme von 29 Angehörigen der Sicherheitskräfte im nordwestpakistanischen Swat-Tal durch islamistische Aufständische ist am Mittwochabend unblutig zu Ende gegangen. Ein Sprecher der Kämpfer teilte mit, dass die Gefangenen – 23 Mitglieder der aus Einheimischen rekrutierten Grenztruppe und sechs Polizisten - frei gelassen wurden. Zuvor mussten sie versprechen, den Dienst zu quittieren und sich künftig an keinen Aktivitäten gegen die Aufständischen mehr zu beteiligen.

Ihrer Gefangennahme am Morgen war eine 24stündige Belagerung der Polizeistation, in der sie sich verschanzt hatten, vorausgegangen. Offenbar waren an dem Angriff mehrere hundert „pakistanische Taliban“ beteiligt. Nach Angaben aus Militärkreisen hatten Truppen am Dienstag vergeblich versucht, den Belagerungsring von außen aufzubrechen.

Der spektakuläre Erfolg gelang den Fundamentalisten in einer Situation, wo die Regierungskräfte schon seit Wochen eine Großoffensive in mehreren Teilen des Swat-Tals durchführen – die dritte in noch nicht einmal anderthalb Jahren – und fast täglich Siegesmeldungen verkünden. Allein in der Nacht zum Montag und am Dienstag sollen 70 Aufständische getötet worden sein.

Der Swat-Bezirk hat eine Fläche von 5340 Quadratkilometern – gut die doppelte Größe des Saarlands – und ungefähr 1,3 bis 1,4 Millionen Einwohner, von denen allerdings nach offiziellen Angaben 300.000 aufgrund der Kämpfe geflüchtet sind. Die Regierungskräfte helfen oft mit Drohungen nach, indem sie die Bewohner bestimmter Gegenden ultimativ auffordern, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen; anderenfalls würden diese beschossen und bombardiert. Die pakistanischen Medien berichten, dass von Regierungs- und Behördenseite fast überhaupt keine Maßnahmen zur Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen unternommen werden.

Die Entwicklung im Swat-Tal hat für Pakistan eine besondere Bedeutung, weil dieser Bezirk nicht zu den sogenannten Stammesgebieten unter Bundesverwaltung (Federally Administered Tribal Areas, FATA) gehört, die schon seit Jahren eine Hochburg fundamentalistischer Organisationen sind. Swat grenzt noch nicht einmal direkt an diese: Dazwischen liegt der Distrikt Dir, der auch schon wiederholt Schauplatz von Kämpfen war.

Das Swat-Tal war bis vor wenigen Jahren ein beliebtes Upper-Class-Urlaubsgebiet, mit den berühmtesten Ski-Pisten Pakistans. Etwa im September 2007 begannen dort Fundamentalisten, ihre gesellschaftlichen Vorstellungen durchzusetzen. Dazu gehörte die Schließung von Mädchenschulen, der Burka-Zwang für Frauen, das Verbot von Musik und die Anweisung an alle Männer, den Bart lang wachsen zu lassen. Scharia-Höfe ersetzten die bisherige Stammesgerichtsbarkeit und teilweise auch die staatliche Justiz. Alle Berichte stimmen überein, dass die Islamisten von außerhalb, hauptsächlich aus den FATA, in den Swat-Bezirk „infiltriert“ seien.

Im November und Dezember 2007 ließ die Regierung ihre erste Offensive zur „Säuberung“ des Tales durchführen, die damals als äußerst erfolgreich beschrieben wurde. 15.000 Soldaten mit Panzern, schwerer Artillerie und Kampfhubschraubern waren im Einsatz gegen, wie es damals hieß, ungefähr 500 Kämpfer, von denen angeblich 250 schon in den ersten Wochen getötet wurden. Heute wird berichtet, dass Swat praktisch vollständig von den Fundamentalisten kontrolliert wird und die meisten Verwaltungsbeamten geflüchtet sind.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 6. Februar 2009