KNUT MELLENTHIN

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Pakistan in Wut über US-Angriffe

Nach wie vor gibt es widersprüchliche Darstellungen über einen Zwischenfall in der Nacht zum Montag an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Nach ersten Meldungen, die sich auf Augenzeugen stützten, hatten pakistanische Sicherheitskräfte gemeinsam mit örtlichen Stammeskriegern angreifende US-Hubschrauber durch Schüsse vertrieben. Der pakistanische Armeechef Aschfaq Parvez Kajani hatte am 10. September nach mehreren US-amerikanischen Angriffen für die Zukunft bewaffneten Widerstand angekündigt: „Die Souveränität und territoriale Integrität des Landes wird um jeden Preis verteidigt werden. Keine ausländische Macht darf Operationen innerhalb Pakistans durchführen.“ Zuvor hatten beide Häuser des pakistanischen Parlaments am 4. September die Regierung in einstimmig angenommenen Resolutionen aufgefordert, „alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um (...) solche Angriffe in Zukunft mit voller Kraft zurückzuschlagen“. Der Zwischenfall in der Montagnacht könnte die erste Umsetzung der neuen Politik gegenüber dem zunehmend aggressiveren Agieren von US-Streitkräften und CIA sein.

Nach dem Bericht eines im Gebiet des Zwischenfalls stationierten pakistanischen Offiziers waren kurz nach Mitternacht (Ortszeit) zwei amerikanische Hubschrauber vom Typ Chinook in Grenznähe gelandet. Ihnen seien Soldaten entstiegen, die versucht hätten, nach Pakistan einzudringen. Daraufhin hätten pakistanische Soldaten Warnschüsse in die Luft abgegeben. Durch den Lärm aufmerksam gewordene Stammeskrieger seien hinzu gekommen und hätten ebenfalls das Feuer auf die Angreifer eröffnet. Diese hätten sich in die Hubschrauber zurückgezogen und seien abgeflogen. Unklar ist nach verschiedenen Augenzeugenberichten allerdings, ob die Hubschrauber wirklich gelandet waren und Truppen abgesetzt hatten, oder ob sie in der Luft durch Schüsse zum Abdrehen gezwungen wurden.

Anders hört sich die Geschichte in der offiziellen Version des pakistanischen Militärsprechers Major Murad Khan an: „Die US-Hubschrauber waren da an der Grenze, aber sie verletzten unseren Luftraum nicht. Wir bestätigen, dass es in der Zeit, als die Hubschrauber dort waren, einen Feuerzwischenfall gab, aber unsere Streitkräfte waren daran nicht beteiligt.“

Völlig anders jedoch die US-amerikanische Darstellung. Pentagon-Sprecher Bryan Whitman erzählte Journalisten: Er habe vergeblich bei allen möglichen Militärstellen in Afghanistan nachgefragt, ob etwas über einen derartigen Zwischenfall bekannt sei. Resultat negativ. Kein US-Hubschrauber sei in eine grenznahe Schießerei verwickelt gewesen.

Sicher ist auf jeden Fall, dass die Stimmung nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch im pakistanischen Militär äußerst gereizt ist, seit am 3. September die erste US-amerikanische Bodenaktion auf pakistanischem Gebiet stattfand. Ein Sonderkommando war mit Hubschraubern in Südwasiristan gelandet und hatte in einem kleinen Dorf ein Massaker angerichtet. Mindestens 20 Menschen, darunter viele Kinder und Frauen, wurden erschossen. Gleichzeitig hat die Zahl der US-amerikanischen Luftangriffe mit unbemannten Flugzeugen, sogenannten Drohnen, gegen Pakistan zugenommen. Während es im ganzen Jahr 2007 lediglich drei solcher Angriffe gab, waren es in diesem Jahr schon mindestens zwölf.

Einem Bericht der New York Times vom 11. September zufolge hat US-Präsident George W. Bush schon im Juli einen Geheimbefehl unterzeichnet, der Bodenoperationen auf pakistanischem Gebiet ohne Zustimmung der dortigen Regierung erlaubt. Gleichzeitig sollen auch die illegalen Luftangriffe gegen Pakistan gesteigert werden. Praktisch kommt das einer Kriegserklärung an den „Schlüsselverbündeten“ Pakistan gleich.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 17. September 2008