KNUT MELLENTHIN

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Pakistan: Steckt Blackwater hinter Bombenanschlägen?

Mindestens 19 Menschen wurden am Donnerstag bei einem Bombenattentat in der pakistanischen Stadt Peschawar getötet. Es war der siebte Anschlag in der Hauptstadt der Nordwestprovinz innerhalb von weniger als zwei Wochen. Regierung und Behörden schreiben die Angriffe routinemäßig den Taliban zu. Die aber haben sich von einigen der Anschläge ausdrücklich distanziert und geben Söldnern von Blackwater und anderen US-amerikanischen „Sicherheitsfirmen“ die Schuld.

Der gestrige Angriff galt einem Gerichtsgebäude. Unter den Toten sind mindestens drei Polizisten, aber auch zahlreiche Menschen, die sich zufällig auf der am Gericht vorbeiführenden Hauptstraße befanden. Von den über 50 Verletzten waren bei Redaktionsschluss einige noch in Lebensgefahr.

Am Montag hatte die bedeutendste militante Organisation, die Tehreek e-Taliban (TTP), eine Video-Botschaft ihres Sprechers verbreitet. Azam Tariq distanzierte sich darin von drei Anschlägen der letzten Wochen, die den Taliban zugeschrieben worden waren. Das waren zum einen die zwei Bomben, die am 20. Oktober in der Internationalen Islamischen Universität von Islamabad explodiert waren, eine davon in einer Cafeteria für Studentinnen. Sechs Menschen wurden dabei getötet. Weiter erklärte Tariq, dass seine Organisation nichts mit dem Anschlag vom 28. Oktober zu tun habe, bei dem in Peschawar mindestens 106 Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, ums Leben kamen. Ziel des Angriffs war ein Markt, auf dem hauptsächlich Kleidung, Schmuck und Spielzeug verkauft werden. Als drittes nannte der TTP-Sprecher das Bombenattentat in einer populären Einkaufsstraße der nördlich von Peschawar gelegenen Stadt Charsadda. Dabei wurden am 10. November mindestens 30 Menschen getötet und über 40 verletzt.

Schon unmittelbar nach diesen drei Anschlägen hatten nicht nur die Taliban, sondern auch der pakistanische Zweig von Al-Kaida jeweils Stellungnahmen abgegeben, dass sie damit nichts zu tun hätten und dass es nicht ihre Praxis sei, Zivilisten, Märkte oder Moscheen anzugreifen. Zwar haben die Taliban offenbar bei einigen ihrer Aktionen auch den Tod von Zivilisten in Kauf genommen, aber Anschläge ausschließlich gegen Unbeteiligte passen in der Tat überhaupt nicht in ihre Strategie.

Pakistanische Regierungspolitiker argumentieren, die Taliban seien mittlerweile gezwungen, Märkte, Einkaufsstraßen und andere zivile Ziele zu attackieren, weil sie an die gut bewachten staatlichen und militärischen Objekte nicht heran kämen. Dass dies nicht stimmt, beweisen unter anderem der Angriff auf das Hauptquartier der Streitkräfte in Rawalpindi am 10. Oktober und der Bombenanschlag auf die Zentrale des Geheimdienstes ISI in Peschawar am 13. November, bei dem das Gebäude schwer beschädigt wurde.

TTP-Sprecher Tariq wiederholte am Donnerstag gegenüber der englischsprachigen pakistanischen Tageszeitung The Dawn seine Einschätzung, dass für viele Anschläge Geheimdienste, die pakistanische Regierung und „Blackwater-Söldner“ verantwortlich seien.

Offiziell wird bestritten, dass die vor allem aus dem Irak berüchtigte Firma Blackwater, die sich inzwischen in Xe Services umbenannt hat, überhaupt noch in Pakistan tätig ist. Indessen steht der Name in der pakistanischen Bevölkerung längst für die Hunderte von US-Amerikanern, die in den letzten Monaten mit zweifelhaften Personalpapieren, unglaubwürdigen Legenden und unklaren Aufgaben ins Land gekommen sind. Die US-Regierung baut ihre Präsenz in Pakistan massiv aus. Dazu gehört auch ein geplantes Riesenkonsulat ausgerechnet in Peschawar. Nach vorherrschender pakistanischer Ansicht geht es eher um einen CIA-Stützpunkt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 20. November 2009