KNUT MELLENTHIN

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"Pakistanische Taliban" bekennen sich zu Anschlag auf Waffenfabrik

Die Zahl der Todesopfer des Anschlags gegen eine pakistanische Waffenfabrik ist auf mindestens 70 gestiegen. Weitere 67 Menschen sind verletzt, von denen sich einige noch in Lebensgefahr befinden.

Zwei Selbstmordattentäter hatten am Donnerstagnachmittag während des Schichtwechsels ihre Sprengstoffgürtel an verschiedenen Eingängen der Produktionsstätte in Wah gezündet. Die Fabrik gehört zum größten, örtlich konzentrierten Rüstungskomplex Pakistans. Wah gilt deshalb als „Hochsicherheitsstadt“. Der Anschlag war der schwerste, der jemals gegen eine militärische Anlage des Landes erfolgte.

Der als Sprecher der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) bekannte Maulvi Omar meldete sich bei mehreren pakistanischen Zeitungen und erklärte, seine Organisation habe die Attentäter geschickt. Es handle sich um eine Vergeltungsaktion für die Strafexpeditionen der Armee gegen den Bezirk Bajaur in den sogenannten Stammesgebieten und das Swat-Tal in der Nordwestprovinz. Die TTP werde mit ihren Angriffen auf Militär- und Regierungsanlagen in den Städten fortfahren, bis die Armee ihre Operationen einstellt. Als Ziele künftiger Anschläge nannte der TTP-Sprecher unter anderem Karatschi, Lahore, die Landeshauptstadt Islamabad, Rawalpindi, Peschawar (Hauptstadt der Nordwestprovinz) und Swat, den Hauptort des gleichnamigen Bezirks.

Das pakistanische Innenministerium hat am Freitag landesweit die Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen angeordnet. Als Begründung hieß es, die TTP habe sechs Attentäter, die Experten für Sprengstoffe und Fernzündungen seien, in verschiedene Teile des Landes geschickt.

Die TTP ist die bedeutendste, aber keineswegs einzige Organisation der „pakistanischen Taliban“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppierungen, die sich teilweise bekämpfen und von denen einige sogar für die Regierung tätig sind, arbeitet die TTP nicht nur in einem eng begrenzten lokalen Umfeld. Ihr Schwerpunkt liegt in Nord- und Südwasiristan, die zu den Stammesgebieten gehören.

Die Militäraktionen gegen Bajaur begannen vor etwa zwei Wochen. Die Armee behauptet, seither 500 „Taliban“ getötet und nur 30 eigene Soldaten verloren zu haben. Die größten Verluste gibt es auf jeden Fall unter der Zivilbevölkerung. Kampfflugzeuge und Hubschrauber werden massiv gegen Dörfer eingesetzt, um die Aufstandsbekämpfung durch systematische Entvölkerung „kritischer“ Gebiete zu erleichtern. Über 200.000 der etwa 700.000 Einwohner von Bajaur sind auf der Flucht, ohne dass die Regierung Hilfsmaßnahmen organisiert hat.

Die New York Times merkte am Freitag an: „Bajaur ist nach Ansicht der Bush-Administration ein Gebiet von besonderer strategischer Bedeutung, weil dort neben den Taliban auch Figuren von al-Kaida Schlupfwinkel unterhalten.“ – Was das Blatt jedoch nicht erwähnte: Die gelenkte „Talibanisierung“ Bajaurs erfolgte schon vor rund 25 Jahren unter Mitwirkung der CIA, als Hinterland für den Krieg gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan.

Knut Mellenthin, 23. August 2008