KNUT MELLENTHIN

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Strenge Konsequenzen

Nach dem missglückten Anschlag vom 1. Mai auf dem New Yorker Times Square droht die US-Regierung Pakistan mit einem direkten militärischen Eingreifen. Nach den bisherigen Ermittlungen hatte Faisal Shahzad, ein US-Amerikaner pakistanischer Abstammung, ein mit Gasflaschen und Benzinkanistern beladenes Auto auf dem Verkehrsknotenpunkt in Manhattan abgestellt. Nach seiner Festnahme behauptete er, in einem Lager der pakistanischen Taliban in Nordwasiristan ausgebildet worden zu sein. Während General David Petraeus, Chef des Kommandos Mitte der US-Streitkräfte, noch am Freitag mutmaßte, Shahzad sei ein „einsamer Wolf“ ohne Komplizen gewesen, legte sich die US-Regierung wenige Stunden später darauf fest, dass der Möchtegern-Attentäter von den Taliban unterstützt und vermutlich auch finanziert worden sei.

In einem am Freitag vom Sender CBS ausgestrahlten Interview erklärte Außenministerin Hillary Clinton, es gebe zwar seit einiger Zeit mehr Kooperationsbereitschaft seitens der pakistanischen Regierung im „Kampf gegen den Terrorismus“. Aber, fuhr sie fort, längst noch nicht genug: „Wir wollen mehr. Wir erwarten mehr. Wir haben sehr deutlich gemacht, dass es sehr ernste Konsequenzen geben würde, wenn, Gott behüte, ein solcher Anschlag, den wir nach Pakistan zurückverfolgen können, gelingen würde.“

Am Sonntag nahm Generalstaatsanwalt Eric Holder, der an diesem Tag eine Interview-Tournee durch mehrere populäre Talkshows absolvierte, das Thema wieder auf. Die bisherige Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden am Fall Shazad sei zufriedenstellend. Aber: „Wir möchten sicherstellen, dass diese Art der Kooperation weitergeht. In dem Maße, wie sie es nicht tut, werden wir, wie Ministerin Clinton angekündigt hat, die nötigen Schritte unternehmen.“

Die englischsprachige Zeitung Dawn, das in der Regel USA-freundlichste Blatt Pakistans, reagierte auf die Drohungen mit einem ungewohnt kritischen Kommentar. „Frau Clintons Bemerkungen sind unglücklich und werden hier Verdächtigungen Nahrung geben, dass Amerika kein wahrer Freund Pakistans ist.“ Falls die US-Regierung vorhabe, mit Pakistan „good cop – bad coop“ zu spielen, so sei das eine schlechte Idee. Pakistan neige nicht dazu, sich durch Drohungen gefügig machen zu lassen.

Was man sich praktisch unter den angedrohten „strengen Konsequenzen“ vorzustellen hat, ließ die US-Regierung bisher offen. Die Journalisten der amerikanischen Mainstream-Medien, allen voran Washington Post und New York Times, strengten ihre Phantasie an, um schnell das Vakuum zu füllen. Die Warnungen seien bisher „unspezifisch“, „im Vertrauen darauf, dass die Pakistanis alles tun werden, was man von ihnen verlangt“, schrieb die Washington Post am Sonntag. Einen Tag zuvor hatte das Blatt behauptet, General McChrystal, der US- und NATO-Oberbefehlshaber in Afghanistan, habe den pakistanischen Armeechef General Kayani aufgefordert, endlich mit der Offensive gegen Nordwasiristan zu beginnen, auf die Politiker und Militärs der USA schon lange drängen. Als Quelle nannte das Blatt routiniert einen anonymen amerikanischen Regierungsbeamten. Unter Berufung auf einen ebenso namenlosen pakistanischen Beamten wusste die Post zu berichten, dass die US-Botschafterin in Islamabad, Anne Patterson, gegenüber dem pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari „eine harte Sprache“ gebraucht habe, um ihm die Notwendigkeit eines härteren Vorgehens „gegen militante Bedrohungen quer durch die Gesellschaft“ klar zu machen.

Die US-Medien schüren darüber hinaus, ebenfalls ausschließlich auf nicht überprüfbare Quellen gestützt, die Erwartung, dass die Vereinigten Staaten demnächst ihre militärische „Präsenz“ in Pakistan steigern wollen. „Es gibt ein zunehmendes Gefühl, dass wir mehr eine Boots-on-the-Ground-Strategie brauchen“, zitierte die New York Times am vorigen Dienstag einen anonymen Regierungsbeamten. Boots on the ground, Stiefel auf dem Boden, steht für den Einsatz von Bodentruppen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 11. Mai 2010