KNUT MELLENTHIN

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Über zwei Millionen Flüchtlinge

Pakistanische Regierung will Bürgerkrieg auf den ganzen Nordwesten ausweiten

Die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge in Nordwestpakistan hat die Zwei-Millionen-Grenze überschritten. Der Sprecher der UN-Hilfsorganisation Flüchtlingsorganisation für Flüchtlinge (UNHCR), Ron Redmond, teilte am Dienstag mit, dass 1,45 Millionen Menschen aufgrund der Regierungsoffensive in den Bezirken Swat, Buner und Dir als Flüchtlinge registriert sein. Hinzu kämen 554.000, die schon durch frühere Kämpfe vertrieben wurden. Auf 300.000 schätzt darüber hinaus die Regierung der Nordwestprovinz (NWFP) die Zahl der auf der Flucht befindlichen Menschen, die noch nicht registriert wurden. Nur ein Achtel der Flüchtlinge leben in den von der UNO und den pakistanischen Behörden errichteten 17 Lagern. Die meisten kommen bei Verwandten, Freunden und Stammesangehörigen unter. Das pakistanische Militär betreibt die planmäßige Entvölkerung bestimmter Gebiete als Teil ihrer Strategie, um freie Bahn für massive Luftangriffe zu bekommen und die Taliban von der Bevölkerung zu isolieren.

Die Regierungsstreitkräfte haben nach eigenen Angaben die Bezirke Buner und Dir schon weitgehend „gesäubert“. In Swat rückt das Militär aus drei Richtungen auf die größte Stadt des Bezirks, Mingora, vor, wo sich die Rebellen auf einen harten Abwehrkampf vorbereitet haben. Die Streitkräfte haben nach eigenen Angaben schon über 1000 Taliban getötet und weniger als 100 eigene Soldaten verloren.

Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Jusaf Raza Gilani haben angekündigt, dass die Ende April begonnene Offensive fortgesetzt werden soll, „bis der allerletzte Taliban“ vernichtet oder verjagt ist. Noch nicht klar ist bisher, ob damit auch die Ausweitung der Militäraktionen auf den gesamten Nordwesten gemeint ist. Dieses Gebiet ist etwas größer als Portugal und hat 25 bis 26 Millionen Einwohner. Mit einer Kriegsausweitung wäre voraussichtlich auch eine Verschärfung der Kämpfe verbunden. Die drei Bezirke der Nordwest-Grenzprovinz, gegen die sich derzeit die Regierungsoffensive richtet, galten jahrelang als ruhig. Swat, jetzt Hauptschauplatz der militärischen Auseinandersetzungen, war noch vor drei Jahren ein nobles Ski-Gebiet. Die traditionellen Hochburgen der Taliban liegen nicht in der NWFP, sondern in den sogenannten Stammesgebieten (FATA), vor allem in Nord- und Südwasiristan, von denen sich das Militär bisher ferngehalten hat.

Vorläufig kann sich die Regierung in Islamabad für ihren Feldzug auf einen außergewöhnlich breiten politischen Konsens stützen. Nahezu alle Parteien haben ihr volles Einverständnis mit dem Blutbad erklärt, das unter starkem US-amerikanischen Druck zustande gekommen ist. Die Taliban haben durch die Nichteinhaltung eines Friedensabkommens mit der NWFP-Provinzregierung und durch barbarische Strafmaßnahmen in den von ihnen kontrollierten Gebieten auch jene Politiker gegen sich aufgebracht, die bisher einen Bürgerkrieg wegen der damit verbundenen Folgen und Risiken abgelehnt hatten.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 20. Mai 2009