KNUT MELLENTHIN

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"Zivilisten" gestrichen

Erstmals wird offizielle Liste der pakistanischen Regierung über US-Drohnenangriffe bekannt. "Zivilisten" kommen darin seit Obamas Regierungsantritt nicht mehr vor.

Mehr als 3.000 Menschen wurden durch Raketen unbemannter Flugkörper getötet, seit Barack Obama vor fünf Jahren ins Weiße Haus einzog. Weltweit ließ der Friedensnobelpreisträger rund 390 Drohnen-Angriffe fliegen – fast acht Mal so viel wie sein Vorgänger George W. Bush im gleichen Zeitraum. Obama brauchte volle drei Jahre, bis er im Januar 2012 erstmals die Tatsache dieser Operationen öffentlich eingestand: In mageren zwei Sätzen, ohne auf konkrete Einzelheiten einzugehen. Seither ist zwar die Zahl der Angriffe stark gesunken. Aber nach wie vor verweigert die US-Regierung alle sachlichen Auskünfte zum Thema. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Obwohl mehrere private Institutionen laufend detaillierte Statistiken, Opferzahlen und Analysen veröffentlichen.

Eine von diesen Arbeitsgruppen ist das britische Bureau of Investigative Journalism. Am Mittwoch veröffentlichte es den bisher ausführlichsten offiziellen Bericht über Zahl und Folgen der Drohnenattacken. Es handelt sich dabei um ein „durchgesickertes“ internes Dokument der pakistanischen Regierung, das 330 solcher Angriffe einzeln mit Datum und Ort auflistet und kurz die Folgen benennt. Bis jetzt hat Pakistan keine solche Statistik veröffentlicht – und nährt damit den Verdacht, dass die wechselnden Regierungen in Islamabad trotz stereotyp gewordener verbaler Proteste an einer internationalen Diskussion dieser Angriffe, vor allem in der Organisation der Vereinten Nationen, nicht wirklich interessiert sind.

Der jetzt von dem britischen Büro veröffentlichte pakistanische Geheimbericht gibt eine Opferzahl von 2.217 Toten an. Die Arbeitsstelle hat unabhängig davon für den selben Zeitraum eine Summe von mindestens 2.371 Toten errechnet. Diese Zahlen liegen also nahe beieinander. Das Büro macht jedoch auf eine erstaunliche Tatsache aufmerksam: Genau seit dem Amtsantritt von Barack Obama im Januar 2009 kommt die Bezeichnung „Zivilisten“ für einen Teil der Opfer in dem Bericht aus Islamabad nicht mehr vor. Dabei ist die Tatsache, dass es unter den Toten und Verletzten immer wieder auch Nicht-Kombattanten, einschließlich Frauen und Kindern, gab, gut dokumentiert. Sie wurde in Einzelfällen von pakistanischen Behörden bekannt gemacht und – wenn auch selten – sogar von der US-Regierung ausdrücklich eingestanden.

Die interne pakistanische Begründung für diese Umstellung der Sprachregelung lautet, dass der Begriff „Zivilisten“ gerade unter den realen Verhältnissen im Nordwesten des Landes nicht exakt zu definieren sei. Das ist zweifellos wahr. Aber die seit fünf Jahren geübte Praxis, die Opfer hauptsächlich in Ortsansässige und „Fremde“ zu unterscheiden, vermag dennoch nicht zu überzeugen. Als der UN-Beauftragte Ben Emmerson Pakistan im vorigen März besuchte, gab das Außenministerium ihm gegenüber die Zahl der getöteten „Zivilisten“ mit mindestens 400, möglicherweise bis zu 600 an. Überraschenderweise sprach aber das pakistanische ´Verteidigungsministerium im Oktober nur noch von 67 toten Zivilpersonen. Diese Zahl wurde später als „falsch und manipuliert“ zurückgezogen. Das Londoner Büro geht davon aus, dass in Pakistan durch Drohnenangriffe zwischen 416 und 951 „Zivilisten“ getötet wurden. 168 bis 200 dieser Opfer seien Kinder gewesen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 31. Januar 2014