KNUT MELLENTHIN

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"Es lebe die deutsch-russische Freundschaft"

Nein, das ist selbstverständlich kein Kampfruf aus dem "Neuen Deutschland" oder aus der "Jungen Welt". Schließlich schreiben wir inzwischen schon das Jahr 5 nach der Wende. Andere haben das achtlos fallengelassene Staffelholz aufgenommen und in eine erstaunliche Richtung entführt. Mit dem in der Überschrift zitierten Satz endet das Glückwunschtelegramm des DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey an "seinen Freund", den "lieben Wladimir" Schirinowskij, den Chef der rechtsradikalen Liberalen Partei. Atemberaubend auch der vorletzte Satz des Schreibens: "Es lebe das große, ewig unbesiegbare Rußland."

Mit dieser Unbesiegbarkeit haben wir auch selbst böse Erfahrungen gemacht, aber das ist lange her. Heute sind Deutsche und Russen "Freunde für immer". So jedenfalls verspricht es die Schlagzeile über einem Interview mit Freund Wladimir in Freys "Nationalzeitung" (17.12.93). "Rußland, unser alter Freund und Weggefährte, der uns durch zwei mörderische Weltkriege und seine Folgeerscheinungen vorübergehend entfremdet wurde" - so steht es im Vorspann des Interviews - ist uns durch das triumphale Wahlergebnis der russischen Faschisten so nahe wie schon lange nicht mehr.

"Dein Sieg ist das Fanal zum Schulterschluß der beiden größten Völker des Abendlandes, der Russen und der Deutschen. Niemals wieder soll es gelingen, diese beiden im Grunde so seelenverwandten Nationen mit einer Fülle gemeinsamer Interessen und einer herrlichen Geschichte gemeinsam erfochtener Erfolge gegeneinander zu hetzen." - Das war nun wieder der Dr. Frey in seinem Glückwunschtelegramm an den lieben Schiri.

Kenner rechtsextremer Geschichtsbetrachtung werden mühelos erraten, wer die Ungenannten waren, die zuletzt 1939-45 unsere beiden Völker aufeinandergehetzt haben. Aus dem deutschen Überfall auf ein Land, mit dem man gerade eben zu vorzüglichen Konditionen einen Nichtangriffsvertrag geschlossen hatte, ist ein gemeinsames Fronterlebnis geworden, das man zwar eigentlich nicht gewollt hat - schließlich wurde man hineingehetzt -, aber das man rückblickend auch nicht mehr missen möchte: "Vorbehalten blieb die menschlich-kriegerische Höchstleistung (gemeint ist der Kampf um Stalingrad) den Antidemokraten: den Bolschewiken und Nationalsozialisten. Das begreifen nur deutsche und russische Nationalisten. (...) Was deutsche und slawische Soldaten an der Wolga vollbrachten, demokratischen Volksverächtern ist dies ein Dorn im ideologischen Auge, zumal sich die Fronten verkehrt haben. Es gibt heute, 50 Jahre nach der Schlacht, nichts Essentielles mehr, was deutsche und russische Nationalisten trennt. Der gemeinsame Feind ist erkannt. Deutsche und Russen in einer Front, als Verbündete: ein Apokalypsebild für das westliche Ancien régime und seine publizistischen Hiwis."

Nein, das ist nicht vom DVU-Frey. Es sind ein paar Töne darin, die ihm vermutlich nicht passen würden. Autor ist der in Lettland aufgewachsene "Nationalrevolutionär" Wolfgang Strauß, sachkundig und sehr schreiblustig zur Geschichte und Gegenwart rechter Theoriebildung in Rußland.

Strauß zitiert in seinem Artikel (Staatsbriefe 10/92) Schirinowskij, der ihm im Gespräch gesagt habe: "Gedemütigt, verarmt, zerrissen, verkolonialisiert - wir sind das Volk von Stalingrad geblieben. Lenin und Stalin sind tot, ihr satanisches Werk zerstört, der Kommunismus besiegt, der Geist von Stalingrad aber lebt." Das steht, von einem Russen gesprochen, aber doch auf einer ganz anderen Ebene als das protzige Bekenntnis, mit dem Strauß seinen Artikel schließt: "Ich bin stolz, zum Volk der Stalingradkämpfer zu gehören." Schließlich unterschied sich Stalingrad nicht nur dadurch von einem harten, aber fairen Fußball-Match, daß nach dem Abpfiff kein Tausch der Trikots stattfand.

"Freunde für immer"? Die Attraktivität russischer Faschisten auf geistesverwandte Gruppen in Deutschland ist derzeit offensichtlich groß. "Von Rußland lernen, heißt siegen lernen", ist zum Motto eines intensiven Polittourismus neuen Typs geworden. Frey hat seinen Wladimir, die militanten Nazi-Banditen haben ihren "Kameraden Alexander" Barkaschow. Der eine sammelt Wahlergebnisse ein, von denen Frey und Schönhuber nur neidisch träumen können. Der andere verfügte über eine schwerbewaffnete Truppe, die bei der Verteidigung des Moskauer Parlaments am 4. Oktober in mehrstündiger weltweiter Live-Übertragung ihren Mann stand.

Aber es ist zweifellos mehr als nur die Attraktivität des Erfolgs und des Kampfs mit der Waffe in der Hand. Auch in anderen Ländern haben rechtsextreme Parteien beachtliche Wahlergebnisse, auch in anderen Ländern gibt es Nazi-Terroristen, die technisch einiges zu bieten haben. Über dem Verhältnis deutscher und russischer Rechter zueinander liegt tatsächlich eine besondere Affinität, eine Haßliebe ganz eigener Art und mit einer langen Geschichte.

Barkaschow hat recht, wenn er feststellt - was den meisten deutschen Faschisten nicht bewußt ist und niemals bewußt war: "Der deutsche Nationalsozialismus, vor allem in den 20er Jahren, hat reichlich aus den russischen Vorbildern der Jahrhundertwende geschöpft." (Die Woche, 22.12.93) Die antijüdische Paranoia als Welterklärung beispielsweise, gipfelnd in der Staatsfälschung der "Protokolle der Weisen von Zion", ist maßgeblich von russischen Autoren, in russischem Ambiente, entwickelt worden. Das spezifisch deutsche Element, das der NS-Staat hinzufügte, war die absolut durchorganisierte, allumfassende, bewußt nach Perfektion und Effektivität strebende, industrialisierte Massenvernichtung. Alles in allem Dinge, die traditionell zur besonderen Anziehungskraft des Deutschen auf viele Russen gehören. Es sei hier nur an Lenin erinnert.

Der gemeinsame Nenner der "deutsch-russischen Seelenverwandtschaft" auf rechtsextremer Grundlage ist die Betrachtungsweise, daß beide Völker nicht zum negativ bewerteten Kulturkreis des Westens gehören. Westen wird identifiziert mit Durchkapitalisierung der Gesellschaft, Herrschaft der Banken und internationaler Finanzinstitutionen, Zerstörung vorkapitalistischer Strukturen und Wertesysteme, insbesondere Vernichtung des "gesunden Bauernstands" als gesellschaftstragendes Element, geistiger und kultureller Oberflächlichkeit, "moralischem Verfall".

In diesem Sinn schrieb Oswald Spengler 1919: "Das Russentum ist das Versprechen einer kommenden Kultur, während die Abendschatten über dem Westen länger und länger werden." Die "russische Urseele" mystifizierte er als "etwas Unergründliches", "kindlich dumpf und ahnungsschwer", die von Westeuropa "durch die aufgezwungenen Formen einer bereits männlich vollendeten, fremden und herrischen Kultur gequält, verstört, verwundet, vergiftet worden" sei. (Preußentum und Sozialismus) Offensichtlich hatte der Mann seinen Dostojewski aufmerksam gelesen.

Moeller van den Bruck brachte das Schlagwort von den "jungen Völkern" auf, denen die Zukunft gehöre, und meinte an erster Stelle die Russen, über deren Spiritualität sich schließlich auch Deutschland geistig regenerieren und verjüngen sollte: "Die Geschichte des russischen Volkes war eine Leidensgeschichte. Und dieses Leiden hat es nicht nur demütig gemacht. Es hat es tief gemacht. Das russische Genie ist ein seelisches Genie. (...) Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische Geistigkeit. Wir brauchen sie als Gegengewicht gegen ein Westlertum, dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir heute gebracht sind." (Rußland, der Westen und wir; 1933)

Eine Minderheit rechter Autoren ging in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg in ihrer Leidenschaft für das derart interpretierte Russentum sogar so weit, ihre Sympathien auf das damalige konkrete Experiment Rußlands, den Aufbau des Sozialismus, zu übertragen. Mehrheitlich waren die deutschen "Russophilen" allerdings militante Antikommunisten und erklärten den Bolschewismus als vom Westen importiertes, dem russischen Wesen zutiefst fremdes Teufelswerk.

Bemerkenswert ist dennoch, daß die Schriften Moeller van den Brucks und Spenglers auch noch in der NS-Zeit erschienen oder neu aufgelegt wurden. Die Anziehungskraft Rußlands war auch nazistischen Ideologen nicht völlig fremd, wie beispielsweise die Aufzeichnungen von Goebbels gelegentlich erkennen lassen. Noch im deutsch-russischen Nichtangriffsvertrag von 1939 und der dadurch ermöglichten Zusammenarbeit schwang, jenseits des vordergründigen taktischen Kalküls, auch etwas von diesen Gefühlen mit. Selbst Hitler hatte Momente, in denen er sich achtungsvoll über den "famosen Teufelskerl" Stalin äußerte und die Möglichkeit einer längerfristigen Zusammenarbeit doch nicht gänzlich auszuschließen schien.

Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ist jedoch das bitterste Beispiel, daß dem sentimentalen Geschwätz von der "deutsch-russischen Seelenverwandtschaft" auf deutscher Seite auf Dauer keine reale Politik entsprach. Das deutsche Schwelgen in Seelenzuständen und Beteuerungen ewiger Verbundenheit ging und geht mit eiskaltem Willen zur Instrumentalisierung des Verhältnisses einher.

Konkret und aktuell gesagt: DVU-Chef Frey spricht, beispielsweise, allzu oft und viel zu unverblümt von Ostpreußen, dessen Wieder-Inbesitznahme er sich offensichtlich von der "Freundschaft" mit Schirinowskij verspricht. Jener hat, vielleicht aus höflicher Zurückhaltung, bei mehreren Gelegenheiten gesagt, daß das Gebiet kein Zankapfel zwischen beiden Staaten sein dürfe und daß man eine auch für Deutschland zufriedenstellende Formel finden werde. Die daraus hergeleitete Annahme, ausgerechnet der Nationalist Schirinowskij würde die Zugehörigkeit des Gebiets zu Rußland ernsthaft zur Disposition stellen, wenn er könnte, ist allerdings die "typisch deutsche", in diesem Ausmaß weltweit herausragende Kombination von Dummheit und Unverschämtheit.

Wenn die ebenfalls von Frey herausgegebene "Deutsche Wochenzeitung" (17.12.93) Schirinowskij eine "prodeutsche Politik" anrühmt, dann deutet das auf die gleiche anmaßende, vereinnahmende Grundeinstellung. Daß Deutsche zur Verdrängung ihrer Geschichte tendieren und allmählich wirklich meinen, sie seien Opfer eines ungewollten Krieges gewesen wie alle anderen Völker auch, bedeutet selbstverständlich nicht, daß russische Nationalisten diese bewußtlose Geschichtssicht teilen. Schon deshalb wird es mit der frischgebackenen "ewigen Freundschaft" zwischen deutschen und russischen Rechtsextremisten insgesamt wohl nicht lange gut gehen.

Schirinowskij hat zum deutsch-russischen Verhältnis vieles gesagt, was nicht so freundschaftlich und rücksichtsvoll klang wie seine Rede auf der Passauer Großveranstaltung der DVU im Oktober 1993 oder seine Äußerungen im Interview mit der "Nationalzeitung". Beispielsweise soll er auch gesagt haben: "Wir nahmen Berlin 1945 und gaben es dann wieder zurück. Nun leben die Deutschen gut und die Russen schlecht. Warum also haben wir Berlin genommen? Wir hätten Millionen von Deutschen zwingen sollen, für uns zu arbeiten." Oder dies: "Wenn ich im Kreml sitzen werde und ein Deutscher uns Russen schräg angucken wird, werdet ihr für alles bezahlen, ihr Deutschen, für alles, was wir Russen in Deutschland aufgebaut haben. (...) Das gleiche blüht den Japanern. Wir werden neue Hiroshimas und Nagasakis schaffen. Ich werde mit dem Einsatz von Atomwaffen nicht zögern. Sie wissen, was Tschernobyl für unser Land bedeutete. Sie werden ihr Tschernobyl in Deutschland bekommen." (zit. nach FAZ, 16.12.93)

Zu Zitaten wie diesen ist anzumerken, daß sie liberalen russischen Journalisten und Zeitungen zu verdanken sind, die jetzt bündelweise alles auf den Markt werfen, was sie in den letzten Jahren über den Führer der Liberal-Demokraten gesammelt und archiviert haben. In der Regel läßt sich weder der Zeitpunkt der Äußerungen noch der Kontext ermitteln. Selbst wenn man subjektive Genauigkeit der zitierenden Journalisten unterstellt, dürfte der Wortlaut der Zitate oftmals aus dem Gedächtnis oder nach handschriftlichen Aufzeichnungen rekonstruiert sein. Wenn Schirinowskij in vielen Fällen bestreitet, das von ihm Zitierte wirklich so gesagt zu haben, muß das also nicht von vornherein Lüge oder selektiver Gedächtnisschwund sein.

Insgesamt ist allerdings unübersehbar, daß der Mann - so wie vermutlich die Mehrheit des russischen Volks - einen tiefsitzenden Groll gegen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit hat, die darin liegt, daß es dem Volk der Angreifer und Völkermörder vergleichsweise vorzüglich geht, während im Land der Überfallenen Armut, Chaos und Ausweglosigkeit herrschen. Insofern hat Schirinowskij gerade dort, wo er am meisten von deutschen Sudelmedien wie der "Bild" angegriffen wird, der Tendenz nach recht. Es ist wahr und schändlich, daß die reiche BRD der Sowjetunion niemals Entschädigungszahlungen für die Kriegsschäden geleistet hat. Schirinowskij beklagt dies zu recht, auch wenn seine Ergänzung - schließlich sei an die Juden doch auch gezahlt worden - die Kritik in eine falsche Richtung führt.

Es wäre äußerst erstaunlich, wenn Differenzen wie diese nicht sehr schnell zur Aufkündigung der "ewigen Freundschaft" seitens der DVU führen würden. Zumindest aus politischem Opportunismus kann das überhaupt nicht ausbleiben. Schließlich will man bald wieder zu Wahlen antreten, und die Klientel der DVU hält mehrheitlich ohnehin von Völkerfreundschaft sehr wenig und von den Russen vermutlich absolut nichts. Außerdem bezieht sie ihr Weltbild primär nicht aus der Frey-Presse, sondern aus den Sudelmedien, in denen von Schirinowskij nur als dem "schrecklichen Russen-Hitler" die Rede ist, in dessen Parteizentrale gerade an Plänen zur atomaren Vernichtung Deutschlands gearbeitet wird.

Daher wird das Kapitel "braune Verschwörung" und "neue Achse des Faschismus" (Die Woche, 22.12.93), soweit es jedenfalls die DVU angeht, vermutlich bald der Vergangenheit angehören. Erhalten bleiben wird uns leider bis auf weiteres das ebenso miese wie mutmaßlich erfolgreiche Unternehmen der meinungsprägenden Medien, mit dem Stichwort "Russen-Hitler" die im deutschen Volk weit verbreitete geschichtslose Blödheit noch zu verstärken und ein neues Feindbild Ost zu kreieren. In einem Land, wo die tolldreiste Schlagzeile möglich war: "Kanzler Kohl: Die Deutschen haben Rußland immer geholfen" (Bild, 15.12.93), in einem solchen Land scheint überhaupt keine Dummheit mehr ausgeschlossen.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 12. Januar 1994