KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Ablenkungsmanöver

Viel zu wenig Geld für Hungerhilfe in Nordostafrika. Falsche Schuldzuweisungen an somalische „Rebellen“.

11 bis 12 Millionen Menschen sind in Nordostafrika von den Folgen der schlimmsten Trockenheit seit Jahrzehnten bedroht. Der Chef der zwar niemals gewählten, aber international anerkannten „Übergangsregierung“ Somalias, Abdiweli Mohamed Ali, hat die vermeintlichen Schuldigen ausgemacht: „Die Extremisten lassen buchstäblich und willkürlich das Volk zu Tode verhungern. Der Aufstand ist die Grundursache der Hungersnot.“

Die gleiche Schuldzuweisung nahm auch der für Afrika zuständige Unterstaatssekretär im US-Außenministerium, Johnnie Carson, vor: „Das Thema und das Problem ist Al-Schabab“ - also die islamistische Organisation, die große Teile Somalias dominiert. „Al-Schababs Aktivitäten haben die derzeitige Lage stark verschlimmert.“

Tatsächlich leben jedoch in den von den Islamisten beherrschten Gebieten Somalias nach UN-Angaben nur etwa 2,2 Millionen Menschen, also höchstens ein Fünftel der von akuten Ernährungsproblemen betroffenen Bewohner der Region am Horn von Afrika. Die Weltorganisation geht davon aus, dass aufgrund der lang anhaltenden Trockenheit 4,56 Millionen Menschen in Äthiopien, 3,7 Millionen in Somalia und 2,4 Millionen in Kenia humanitäre Hilfe benötigen. Nicht enthalten sind in dieser Aufstellung Eritrea – aus dem keine Angaben vorliegen -, Dschibuti und Teile des Sudan.

Angeblich, so wurde in der vergangenen Woche berichtet, will Al-Schabab keine Hilfslieferungen in die von ihr beherrschten Gebiete zulassen. Diese Meldungen beruhten jedoch auf einer falschen Wiedergabe der Äußerungen ihres Sprechers Ali Mohamud Rage durch westliche Nachrichtenagenturen. Tatsächlich hatte Rage lediglich erklärt, dass bestimmte einzelne Organisationen, denen Al-Schabab vor zwei Jahren wegen angeblicher Tätigkeit für westliche Regierungen ein Arbeitsverbot erteilt hatte, auch künftig keinen Zutritt haben werden. Die bereits Anfang Juli erfolgte Ankündigung der Islamisten, Hilfsaktionen zuzulassen, scheint dadurch jedoch nicht grundsätzlich aufgehoben. Das Internationale Rote Kreuz und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, haben Berichten zufolge bereits ohne Hindernisse mit Lebensmittellieferungen in die von Al-Schabab dominierten Gebiete begonnen.

Rage hatte in seiner Pressekonferenz am vorigen Donnerstag die Aussagen von UN-Vertretern über eine Hungersnot in Südsomalia als übertrieben bezeichnet. Der Al-Schabab-Sprecher wurde zitiert mit den Worten: „Es gibt eine Trockenheit, aber die Verhältnisse sind nicht so schlimm, wie sie sagen. Sie haben ein anderes Ziel, und es würde uns nicht wundern, wenn sie die Lage zu politisieren versuchen.“ - Das wurde in westlichen Medien als Ausdruck einer verblendeten Propaganda abgehandelt, ist aber einer sachlichen Betrachtung wert.

Erstens erinnert man sich in Somalia selbstverständlich an die US-amerikanische „Operation Restore Hope“. Diese Militärintervention wurde vom US-Präsidenten George H. W. Bush im Dezember 1992 unter dem Vorwand einer Hungersnot begonnen, entwickelte sich aber schnell zu einem parteiischen Eingreifen in den somalischen Bürgerkrieg unter dem Mantel einer UN-Mission. Zweitens spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die UNO tatsächlich den Ernst der Lage in Nordostafrika noch übertreibt, um wenigstens einen Teil der benötigten Finanzmittel zu erhalten.

Obwohl die akuten Probleme keine plötzlich hereingebrochene Naturkatastrophe sind, sondern sich schon seit mindestens zwei Jahren klar abzeichneten, waren die vergleichsweise wohlhabenden Staaten der Welt nicht bereit, rechtzeitig Geld bereitzustellen und einzusetzen. So kommt die Hilfe jetzt, viel zu spät, nur „tröpfelnd“ in Gang, wie die UNO und internationale Hilfsorganisationen beklagen. Insbesondere verweisen sie darauf, dass die USA, einst größter Geldgeber am Horn von Afrika, ihre humanitäre Hilfe für Somalia dramatisch heruntergefahren haben: Während Washington im Jahre 2008 noch 237,4 Millionen Dollar zur Verfügung stellte, waren es nach Angaben des UN-Büros für Humanitäre Angelegenheiten (OCHA) 2009 nur noch 99,6 Millionen und 2010 lediglich 28 Millionen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 25. Juli 2011