KNUT MELLENTHIN

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Bruderkrieg

Blutige Kämpfe zwischen somalischen Islamisten. Auch die Gegenseite durch innere Widersprüche geschwächt.

Mit Kämpfen zwischen den Islamisten von Al-Schabaab und Hisbul Islam ist im somalischen Bürgerkrieg eine neue Front entstanden. Am Wochenanfang gingen die Gefechte in der Umgebung der Hafenstadt Kismajo, 500 Kilometer südlich von Mogadischu, weiter. Mindestens 17 Menschen, überwiegend Kämpfer der beiden Seiten, kamen am Sonntag und Montag ums Leben. Hunderte Zivilisten flüchteten aus den Kampfgebieten.

Nach längeren Auseinandersetzungen hatte Al-Schabaab am Donnerstag voriger Woche die alleinige Macht in Kismajo übernommen und die Kämpfer von Hisbul Islam vertrieben, die sich daraufhin in ein Gebiet zurückzogen, das rund 50 Kilometer nördlich der Stadt liegt. Kismajo war von den Islamisten im August 2008 mit Unterstützung örtlich einflussreicher Clans eingenommen worden. Aufgrund von Vereinbarungen zwischen den damals noch verbündeten Kräften übernahm zunächst Al-Schabaab allein die Herrschaft über die Stadt und die umliegende Region Unter-Jubba und baute eine eigene Verwaltung auf.

Diese im September 2008 getroffene Regelung sollte nur für eine Übergangszeit von sechs Monaten gelten. Aber offenbar wollte Al-Schabaab als stärkste und einheitlichste islamistische Kraft die Kontrolle über die Stadt nach Ablauf der Frist nicht aus der Hand geben. Als eine der größten Hafenstädte Somalias ist Kismajo ein wirtschaftlich und finanziell äußerst attraktives Objekt, das den jeweiligen Machthabern regelmäßige, erhebliche Einkünfte aus Steuern und Gebühren verspricht.

Unterdessen gehen die Verhandlungen zwischen den Führungsspitzen von Al-Schabaab und Hisbul Islam zur Beilegung des Konflikts weiter. Beide Seiten behaupten, keinen internen Krieg zu wollen, und schieben sich gegenseitig die Schuld für den Ausbruch der Feindseligkeiten zu. Vertreter von Hisbul Islam drohen, sie würden den Krieg in alle Gebiete tragen, wo bisher beide Organisationen koexistieren und kooperieren, sofern Al-Schabaab ihnen nicht die Kontrolle über Kismajo überlässt. Das beträfe weite Teile von Süd- und Zentralsomalia.

Für die Übergangsregierung (TFG), deren Einfluss im wesentlichen auf wenige Bezirke der Hauptstadt Mogadischu beschränkt ist, bedeutet der Streit zwischen den Islamisten zunächst einmal eine Atempause. Die Kämpfe in Mogadischu sind seit voriger Woche deutlich abgeflaut und fast völlig zum Stillstand gekommen. Aber auch im Lager der Übergangsregierung werden innere Widersprüche heftig ausgetragen. Die gesamte Verwaltungsspitze der zentralsomalischen Region Hiran (Hauptstadt Beledweyn) hat sich vor wenigen Wochen von der Übergangsregierung losgesagt und sich der Hisbul Islam angeschlossen. Außerdem kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen Sicherheitskräften der TFG. Meist geht es dabei um die Kontrolle über illegale Einkünfte, wie etwa die zwangsweise von der Bevölkerung eingetriebenen Abgaben an willkürlich errichteten Kontrollpunkten.

Die Übergangsregierung wird zwar von der UNO und der Afrikanischen Union, der Dachorganisation aller Staaten des Kontinents, unterstützt. Sie ist aber nicht aus freien Wahlen hervorgegangen, sondern wurde vor fünf Jahren von außen eingesetzt. Ihre eigenen Kräfte sind schwach und zerstritten. Aufrechterhalten wird ihre Herrschaft über einen Teil Mogadischus nur durch die seit 2007 in der Hauptstadt stationierte „Friedenstruppe“ der AU, deren rund 5300 Soldaten ungefähr zur Hälfte aus Uganda und aus Burundi kommen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 7. Oktober 2009