KNUT MELLENTHIN

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In der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind die Islamisten weiter auf dem Vormarsch

In einem dringenden Appell an die „internationale Gemeinschaft“ hat der Präsident der somalischen Übergangsregierung mehr militärische Unterstützung gegen seine islamistischen Gegner gefordert. Anderenfalls würden die schlecht ausgerüsteten Truppen der Übergangsregierung sich gegen die Milizen von Al-Schabab nicht mehr lange halten können, sagte der seit Januar 2009 regierende Scharif Scheikh Ahmed, der früher selbst zum „gemäßigten Flügel“ der Islamisten gehörte. Um seinem Aufruf mehr Nachdruck zu verleihen, brachte der Präsident auch die Phantom-Organisation Al-Qaida ins Spiel und behauptete, Al-Schabab stelle „eine Bedrohung ohne Grenzen“ dar.

Die Übergangsregierung hält sich nur noch in einem wenigen Kilometer breiten Streifen Mogadischus, der im Süden der somalischen Hauptstadt entlang des Indischen Ozeans verläuft. Zu diesem Gebiet gehören der Präsidentenpalast, der Hafen und der Flughafen. Ohne den Schutz der etwa 6000 Mann starken afrikanischen „Friedenstruppe“ AMISOM und die mit der Übergangsregierung verbündeten Milizen der Ahlu-Sunna – einer auf dem Sufismus, einer Sonderrrichtung des Islam, beruhenden Allianz – könnte sich die Übergangsregierung schon jetzt nicht mehr halten.

Al-Schabab hatte am Montag voriger Woche eine „massive Offensive“ gegen die noch verbliebenen Stützpunkte ihrer Gegner in Mogadischu begonnen. Die Kämpfe halten seither, von kurzen Ruhepausen unterbrochen, an. Dabei wurden nach offiziellen Berichten mindestens 100 Menschen getötetet, darunter zahlreiche Unbeteiligte.

Am Sonnabend gelang es den Kämpfern der Al-Schabab vorübergehend, einen Abschnitt der strategisch wichtigen Hauptstraße zu besetzen, die die Verbindung zwischen Präsidentenpalast und Flughafen darstellt. Zuvor hatten sie am Freitag einen an der Straße gelegenen Stützpunkt von Ahlu-Sunna überrannt. Nach etwa drei Stunden gelang es der AMISOM mit gepanzerten Fahrzeugen, Al-Schabab wieder von der Hauptstraße zurückzudrängen. Im Abschneiden der Nachschubwege zum Flughafen und zum Hafen liegt die größte Chance der Islamisten, sich gegen die weit stärker bewaffnete AMISOM durchzusetzen. Am Montag starben vier ugandische Soldaten der „Friedenstruppe“, als Al-Schabab einen Teil des Präsidentenpalastes mit Granatwerfern beschoss. Acht weitere wurden verletzt.

Indessen mehreren sich die Anzeichen für eine erneute Militärintervention Äthiopiens. Nach Berichten aus der mittelsomalischen Region Hiran haben äthiopische Verbände in den letzten Tagen mehrmals die Grenze überschritten und operieren in der Umgebung der Stadt Beledweyne, die 330 Kilometer von Mogadischu entfernt ist. In ihrer Begleitung sollen sich bestens ausgebildete somalische Truppen befinden, die angeblich mit der Übergangsregierung loyal sind. Äthiopien hatte schon in den Jahren 2006 bis 2008 massiv im Nachbarland interveniert, seine Truppen aber im Januar 2009 zurückgezogen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 1. September 2010