KNUT MELLENTHIN

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Katastrophe mit Ansage

„Eine im fünften Jahr andauernde Trockenheit treibt mehr als 23 Millionen Ostafrikaner in sieben Ländern in eine schwere Hungersnot, berichtete die internationale Hilfsorganisation Oxfam am Dienstag. (…) Die am schwersten betroffenen Staaten sind Kenia, Äthiopien, Somalia und Uganda. Die Unterernährung liegt in einigen Gebieten über dem Notstandsniveau und Hunderttausende Nutztiere sterben. (…) Ungefähr 3,8 Millionen Kenianer, ein Zehntel der Bevölkerung, braucht dringend Hilfe, teilt Oxfam mit. (…) In Somalia ist eins von sechs Kindern chronisch unterernährt. (…) Die Hälfte der Bevölkerung – mehr als 3,8 Millionen Menschen – ist betroffen.“

Was an diesem Text auffällt, ist die Zahl von 23 Millionen Opfern der nordostafrikanischen Hungersnot. Im Allgemeinen wird „nur“ von 11 bis 12 Millionen gesprochen. Die Erklärung ist einfach: Es handelt sich nicht etwa um eine aktuelle Nachricht, sondern um eine Meldung der britischen Nachrichtenagentur Reuters vom 29. September 2009. Die Krise durch ausbleibende oder zu geringe Regenfälle zeichnete sich damals schon seit einigen Jahren ab. Die beginnende Katastrophe machte allerdings kaum Schlagzeilen und löste wenig Gegenmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft aus.

Bereits im Mai 2009 war berichtet worden, dass aufgrund des Wassermangels, der durch die Dürre verloren gegangenen Weideflächen und der unter den geschwächten Ziegen, Schafen, Rindern und Kamelen grassierenden Epidemien ein riesiges Viehsterben im Gang war. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Nutztiere war geimpft. Da ein großer Teil der Bewohner Nordostafrikas ganz oder teilweise von der Viehhaltung lebt, viele von ihnen als Nomaden, waren die verheerenden Folgen voraussehbar. Die Preise, die für die ausgemergelten Tiere beim Verkauf noch zu erzielen waren, fielen steil nach unten, während die Preise für Grundnahrungsmittel kontinuierlich anstiegen, zum Teil um über 100 Prozent. In der verzweifelten Suche nach besseren Lebensbedingungen zogen Nomadengruppen hin und her über die Grenzen – und sorgten damit zusätzlich für die Verbreitung von Tierkrankheiten wie der Maul- und Klauenseuche.

Eher noch zurückhaltend erklärte die Verantwortliche des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten und Hilfsaktionen (OCHA), Valerie Amos, am Montag: „Unser Frühwarnsystem hat funktioniert. Wir haben im vorigen Jahr Alarm geschlagen, als wir 1,6 Milliarden Dollar forderten, um die Lage in den Griff zu kriegen.“ Tatsächlich aufgebracht oder zumindest versprochen wurde davon jedoch nur eine Milliarde. In einem Bericht vom 29. März 2011 zur Lage in Nordostafrika musste das OCHA konstatieren, dass die wirklich zur Verfügung gestellten Finanzmittel weit hinter den Zusagen zurückblieben: Für Somalia nur 7 Millionen statt versprochenen 38 Millionen Dollar, gleich 19 Prozent. Für Kenia waren nur 40 Prozent der Hilfszusagen eingelöst worden, für Äthiopien 50 Prozent.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 6. August 2011