KNUT MELLENTHIN

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Somalia: Viele Tote bei Granatenüberfall in Mogadischu

Zahlreiche Menschen wurden am Donnerstag in Mogadischu getötet, als Unbekannte den Bakara-Markt mit Artillerie beschossen. Zunächst war von neun Toten, später von 17 die Rede. Die Zahl wird sich vielleicht noch erhöhen. Mindestens 40 Menschen wurden mit zum Teil lebensgefährlichen Verletzungen in Krankenhäuser der somalischen Hauptstadt eingeliefert.

Der Bakara-Markt ist der wichtigste Einkaufsplatz für die Bewohner Mogadischus. Der Markt und das umliegende Viertel gelten als Hochburg der oppositionellen Islamisten und des Hawije-Clans, der in der Hauptstadt vorherrschend ist und der Regierung ebenfalls überwiegend feindlich gegenübersteht. Razzien und Überfälle der äthiopischen Besatzungstruppen und der Regierungsmilizen auf den Markt sind seit Monaten an der Tagesordnung. Er wurde von den Äthiopiern schon mehrfach mit Mörsern beschossen, meist offenbar als Reaktion auf Angriffe aus dem Stadtteil. Dem Beschusses des Marktes am Donnerstag sollen Aktionen des bewaffneten Widerstands im Norden und Süden Mogadischus vorausgegangen sein, über die aber keine genaueren Berichte vorliegen.

Ein Sprecher des Ministeriums für Staatssicherheit gab gegenüber der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag erstmals zu, dass 80 Prozent des Landes nicht unter Kontrolle der Übergangsregierung stehen. Die im Dezember vorigen Jahres mit äthiopischer Hilfe aus Mogadischu vertriebenen Islamisten hätten sich vor allem in Süd- und Zentralsomalia neu formiert und würden militärisch immer stärker.

Die Übergangsregierung hat kein demokratisches Mandat, sondern wurde im Jahr 2004 von der Afrikanischen Union und von der UNO eingesetzt. Die Übergangsregierung hält sich nur mit Hilfe von Soldaten aus dem traditionell verfeindeten Nachbarland Äthiopien an der Macht. Deren Zahl wird auf über 20.000 geschätzt. Ihr Einsatz beschränkt sich bisher im Wesentlichen auf Mogadischu und die Sicherung ihrer zunehmend gefährdeten Nachschubwege.

In den vergangenen Tagen wurden Kämpfe aus mehreren Gegenden Somalias gemeldet, die die Aussagen des Regierungssprechers unterstreichen. Die Ursachen sind unterschiedlich. Neben gezielten Angriffen bewaffneter Islamisten gibt es auch regierungsfeindliche Aktionen, die keinen "großen" politischen Hintergrund haben, sondern sich aus lokalen Konflikten ergeben. So wurden am vorigen Sonntag die Regierungsmilizen aus der Stadt Bule Burte, 220 Kilometer nördlich von Mogadischu vertrieben, weil es Streit zwischen der Bevölkerung und dem Provinzgouverneur um die Steuern gab. Außerdem nehmen in dem weitgehend unregierten Land Kämpfe zwischen den Clans und Subclans um Wasservorkommen, Weidegebiete und andere Objekte zu.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 14. Dezember 2007