KNUT MELLENTHIN

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Der Angriff auf ein Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi am Wochenende ist ein Indiz für die nach wie vor instabile Lage im nördlichen Nachbarland Somalia. Die bewaffnete Gruppe, die die Shopping-Meile am Sonnabend überfiel und sich dort am Sonntag immer noch mit einer unbekannten Zahl von Geiseln verschanzt hielt, bestand offenbar aus Anhängern der islamistischen somalischen Organisation Al-Schabab, die sich für die Aktion verantwortlich erklärte.

Kenia ist im somalischen Bürgerkrieg, der nun schon seit 22 Jahren andauert, selbst Partei, seit es im Oktober 2011 Tausende seiner Soldaten in den Süden des Nachbarlands einmarschieren ließ. Mittlerweile haben die kenianischen Streitkräfte dort in Zusammenarbeit mit einer regionalen Miliz einen international nicht anerkannten Pufferstaat, das sogenannte Jubaland, mit dem wirtschaftlich und strategisch wichtigen Hafen Kismajo als Hauptstadt, errichtet.

Die somalische Zentralregierung in Mogadischu hat mehrfach schwere Vorwürfe gegen die kenianischen Besatzungstruppen in Kismajo erhoben, die durch viele Berichte von Einwohnern gestützt werden. Nach deren Aussagen schikanieren die Kenianer die Bevölkerung mit Vergewaltigungen, anderen Formen von Misshandlungen, und Plünderungen. Potentielles Opfer von Gewalttaten und willkürlichen Festnahmen sei, so heißt es, jede und jeder, die oder der nicht zum selben Clan wie die von Kenia unterstützte Ras-Kamboni-Miliz gehört. Die UNO wirft den kenianischen Truppen außerdem Beteiligung am lukrativen Handel mit Holzkohle vor, den die Weltorganisation im Februar 2012 verboten hat. Abnehmer sind vor allem die Staaten der arabischen Halbinsel.

Die somalischen Fundamentalisten, die früher kaum Terroranschläge verübten und nur im eigenen Land agierten, haben sich radikalisiert, seit sie mit Hilfe der AMISOM, einer internationalen „Friedenstruppe“ aus mehreren afrikanischen Staaten, immer weiter zurückgedrängt worden sind. Seit Juni hat Al-Schabab eine neue Führung, die gezielt gegen traditionelle Kader der fundamentalistischen Bewegung Somalias vorgeht. Viele von ihnen wurden ermordet; anderen gelang in die Flucht oder sie stellten sich den Sicherheitskräften der Zentralregierung. Einer ihrer bekanntesten Führer, Hassan Dahir Aweys, wird seit Juli in Mogadischu gefangen gehalten. Wie mit ihm und anderen Ex-Kadern von Al-Schabab umgegangen werden soll, ist in den führenden Kreisen Somalias, unter denen viele eine ähnliche Lebensgeschichte wie Aweys haben oder zeitweise sogar seine Kampfgefährten waren, heiß umstritten.

Die EU und einzelne ihrer Mitgliedstaaten haben in der vergangenen Woche „Hilfsgelder“ für Somalia im Gesamtwert von 1,8 Milliarden Euro versprochen. In den Kommentaren der Politiker wurde das so dargestellt, als befinde sich Somalia auf dem Wege der Stabilisierung und Normalisierung. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. 

Knut Mellenthin

Junge Welt, 23. September 2013