KNUT MELLENTHIN

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    Beagles: Zersägt und geschunden im Namen humaner Forschung

    Des einen Freud? Des andern Leid!

    Hätte Hund Nr. 13 Gelegenheit zu glücklichen Wunschträumen, würde das kleine Beagle-Mädchen im Schlaf gelegentlich vor Aufregung leise vor sich hingrunzen.
    Dann würde sie in ihren Phantasie-Reisen gemeinsam mit dem 12-jährigen Timmy durch den kleinen Park toben. Würde jedes "Pfui" ihres jungen Herrchens einfach ignorieren und voller Begeisterung jeden Busch nach halbverwesten Brötchenresten untersuchen, anschließend ein richtig tolles Hunde-Bad im modrigen Entengrütze-Tümpel nehmen, und nachts in Timmies Bett (wenn ich ganz lieb gucke, kann er doch gar nicht nein sagen!) von den nächsten Abenteuern träumen. So wie Lina, Timmies zweijährige Beagle-Hündin.

    Aber Nr. 13 ist eben nicht Lina, und von deren Leben kann sie nicht einmal träumen. Denn Nr. 13 ist ein Versuchstier.

    Begriffe wie "Timmy", "Brötchen", "Park", "Bett" haben keine Bedeutung für sie. Nr. 13 kennt nur Gitter, Kacheln und Schmerzen. Davon träumt niemand gerne. Deshalb versucht Nr. 13 auch wach zu bleiben, während sie mit zersägten Hinterbeinen auf einer Pritsche liegt und auf den Tod wartet. Vielleicht kommt sogar eines dieser großen Wesen mit den weißen Kitteln und ist ein bißchen nett zu Nr. 13, streichelt sie oder bringt Futter. Nr. 13 liebt diese Wesen - wen soll sie auch sonst lieben? Sie leckt ihnen die Hände, um zu beweisen, wie freundlich sie ist. Warum diese Wesen ihr trotzdem ständig weh tun, versteht sie nicht.

    Natürlich nicht. "Tiere haben keinen Verstand", sagt die Frau in der U-Bahn. "Tiere haben ja nur ein Großhirn", sagt die erfolgreiche Psychologin. "Tiere haben doch gar kein Gefühl", sagt die alternativ angehauchte Nachbarin, und spricht von "Vermenschlichung" einer "wilden" und "natürlichen" rein instinktgesteuerten Komponente unseres ökologischen Ganzen.

    Diese drei Aussagen sind zwar völlig unhaltbar, trotzdem aber keine Einzelmeinungen. So etwas oder ähnliches hört man an jeder Strassenecke, in jeder Kneipe, in jeder Firma - überall scheinen sich Menschen bemüßigt zu fühlen, die Unterschiedlichkeit zwischen Tier und Homo Sapiens zu betonen. Wissenschaftlich fundiert sind diese Aussagen fast nie. Wie auch - das Thema ist höchst kompliziert, und selbst die Erforschung des menschlichen Gehirns ist längst nicht abgeschlossen. Erstaunlicherweise fallen die "Vergleiche" bzw. Unterscheidungsversuche fast immer zu ungunsten der Fauna aus und sind allesamt geprägt von menschlichem Hochmut.

    Wahnhafte menschliche Überheblichkeit, die jede Qual für Mitlebewesen zur wissenschaftlich notwendigen guten Tat umfunktioniert. Aber warum, bitteschön, muss man testen, nach wie vielen Zigaretten eine Affenlunge kollabiert?
    Meines Wissens rauchen die wenigsten Affen, und dass Zigaretten nicht die Gesundheit verbessern beweisen Millionen menschlicher Raucherbeine und Teerlungen. Und welchen Nutzen sollen die durchgesägten Beagle-Beine bieten? Mal gucken, was passiert, wenn Dr. Mabuse ein Kinderbein durchgesägt hat?

    Aber das ist jetzt natürlich furchtbar zynisch und zeigt nur, welch wissenschaftlich unbeleckter Dummbatz ich bin. Die entsprechenden Damen und Herren können selbstverständlich dezidiert beweisen, warum die zerteilten Knochen eines Vierbeiners so wertvolle Hinweise auf die orthopädischen Besonderheiten der Weiterentwicklung des aufrecht (zumindest im physiologischen Sinne) umherwandelnden Homo erectus sein können.

    Und überhaupt - so schlimm ist das doch alles gar nicht. Für diesen wie für andere Versuche gilt doch, dass sie mit all der dem Menschen eigenen gnadenlosen Humanität durchgeführt werden:
    "Sie bekommen alle eine Narkose, werden mit Schmerzmitteln behandelt und wie Patienten versorgt", beteuert z.B. Dr. Markus Josten, Leiter des Tierversuchslabors der Universität Heidelberg.

    Man kann nur hoffen, dass diese Aussage keine Magenschmerzen-bereitenden Rückschlüsse auf die deutsche Patientenversorgung zulassen.

    "Stellen Sie sich vor, Ihr Enkel (wahlweise auch die Tochter, der Ehepartner oder sonstige liebe Anverwandte) wäre todkrank und könnte durch eine neue, im Tierversuch getestete Operation oder Medikamente gerettet werden. Würden Sie da nicht Ihre Skrupel vergessen?"
    Klar, würden wir. Die Tierversuchsbefürworter versuchen gern, mit solch listigen Fragestellungen das Schlechte im Menschen herauszukitzeln. Da haben sie gar nicht viel zu tun, denn selbstverständlich würde (fast) jeder Mensch (fast) jeder Schweinerei zustimmen, wenn's um das Leben der Liebsten geht. Oder um das eigene.

    Dass so mancher die Kinder des Nachbarn zu Grütze verarbeiten lassen würde, wenn's ihm selbst zu ewigem Leben und ewiger Jugend verhelfen könnte, mag meine persönliche, nicht allzu optimistisch geprägte Sicht der Dinge sein.
    Dass Babies aus Dritte-Welt-Ländern als auszuschlachtende Ersatzteillager an zahlungskräftige Kranke aus Industrie-Nationen geliefert werden, ist bisher nur Gerücht.
    Dass intelligente und zu vielfältigen Gefühlen fähige Mitgeschöpfe gepeinigt und getötet werden, angeblich um unser Leben zu verbessern oder zu verlängern, ist hingegen Fakt.

    Und so wird Hund Nr. 13 nicht die letzte Kreatur sein, für die es "zu unserem Besten" leider kein Leben vor dem Tod gab. Da nützen auch die rührenden Kulleraugen nichts, und das besonders sanftmütige Wesen dieser Hunderasse macht sie lediglich zum perfekten Opfer.

    Eine Glückszahl wird die 13 für das kleine Beagle-Mädchen erst dann sein, wenn eins dieser großen Wesen mit dem weißen Kittel die Spritze zückt, um diesem lebenslangen Sterben den Schlusspunkt zu setzen.

    Fröhliche Weihnachten.

    Eileen Heerdegen

    "Tierschutz!" - Bürger gegen Tierversuche, Nr. 2/00