KNUT MELLENTHIN

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"Es ist der Bevölkerung nicht mehr zuzumuten..."

Völlig abwegige Gedanken zur "Kampfhund"-Hysterie

Vor einigen Tagen ging ich mittags auf dem Weg zur Arbeit zur Gänsemarkt-Passage, um mir beim chinesischen oder indonesischen Schnellimbiss etwas zum Essen mitzunehmen. Kurz vor dem Eingang kreuzten zwei Polizisten meinen Weg. Anscheinend waren sie von dem bulligen Uniformierten des privaten Wachdienstes der Gänsemarkt-Passage gerufen worden, der sie direkt an der Tür erwartete.
Kurz angeleint im Eingangsbereich saß ein höchstens mittelgroßer, schwarzweißer "Kampfhund" mit solidem Ledermaulkorb. Mein erster Gedanke: Oh Gott, ein ausgesetzter Hund! Aber dem Gespräch zwischen Polizisten und Wachmann entnahm ich: Die Besitzer des Hundes saßen in der Passage beim Essen. Angeblich machte der angeleinte "Kampfhund" irgendwelchen Passanten Angst. Tatsächlich standen im Eingang aber nur zwei Personen, die mitleidige Bemerkungen über den "armen Hund" austauschten, der sich ihrer Ansicht nach schrecklich ängstigte, "während die Besitzer drinnen seelenruhig speisen". Das Mitleid war völlig überflüssig: Der Hund war offensichtlich die Situation, angebunden auf seine Leute zu warten, bestens gewohnt und verhielt sich ganz souverän. Ein bisschen verstört war er nur durch die für ihn unerklärliche plötzliche Aufregung um seine Person. Ich stellte mir vor, welches hochdramatische akustische Theater unsere ansonsten gut erzogene und sehr liebe junge Dobermann-Hündin in einer vergleichbaren Situation machen würde.

Um zu verhindern, dass polizeiliche Dummheiten begangen werden oder die Presse am nächsten Tag titelt "Panik in der Gänsemarkt-Passage! Tobender Kampfhund ließ niemand rein oder raus!" hockte ich mich zu dem Hund, der sich sofort streicheln ließ und "Küsschen" gab, und blieb dort sitzen bis zum Erscheinen der Besitzer. Der "Kampfhund" war eine junge, äußerst zutrauliche und verschmuste Hündin. Das Ende vom Lied: Ein höherrangiger Polizeibeamter ging in die Passage und veranlasste die mit Blickkontakt zum Ausgang sitzenden Besitzer des Hundes (zwei Männer um die 30), ihr Essen stehen zu lassen und mit ihrem Hund abzuziehen. Sein etwas gequälter Kommentar zu den Besitzern, als er beim Verlassen der Passage mich neben dem laut Hundeverordnung "unwiderlegbar gefährlichen" Tier hocken sah: "Nicht jeder hat vor solchen Hunden keine Angst."

Angst wovor? Vor dem Anblick eines kleinen Hundes? Ein wahnhaft übersteigertes subjektives Angstgefühl - ich bin allerdings noch nicht einmal sicher, ob auch nur ein einziger Passant Angst geäußert hatte oder ob nicht einfach der Wachmann zwanghaft-übereifrig reagiert hatte - dient heute als Grundlage, Menschen zu diskriminieren und zu schikanieren. Beispielsweise auch, ihnen die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zusammen mit ihrem Hund - der in der Öffentlichkeit sowieso nur mit Leine und Maulkorb geführt werden darf - zu verbieten, obwohl es in Hamburgs U- und S-Bahnen noch nie einen Zwischenfall mit einem Hund gab, wohl aber Hunderte menschlicher Gewalttaten jedes Jahr. Viele Frauen haben in den Abend- und Nachtstunden schon seit Jahren tatsächlich starke Angst, die öffentlichen Verkehrmittel zu benutzen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eine einzige von ihnen "die Kampfhunde" als Grund angeben würde.

Ich muss in diesem Zusammenhang wieder daran denken, was der damalige - inzwischen aus ganz anderen Gründen zurückgetretene - Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Norbert Spinnrath, im vorigen Jahr öffentlich erklärte, nachdem in Wilhelmsburg der türkische Junge Volkan von zwei "Kampfhunden" getötet worden war: "Es ist der Bevölkerung nicht mehr zuzumuten, Einkaufsstraßen, Grünanlagen und Bürgersteige mit überforderten und verantwortungslosen Hundehaltern zu teilen, deren Tiere gleichsam tödliche Waffen sind." (Welt, 28.6.2000)
Als ich das damals in der Zeitung las, war ich mir sofort ziemlich sicher: So etwas ähnliches hast du doch schon einmal gehört?! Nun muss ich erwähnen, dass ich vor einigen Jahren eine sehr ausführliche Chronologie und Materialsammlung zum Holocaust, dem deutschen Völkermord an den europäischen Juden, zusammengestellt habe, die ich im Computer gespeichert habe. So bedurfte es nur einiger weniger Suchbefehle am PC, um in meinen Dateien gleich mehrere Analogien zu Spinnraths Äußerung zu finden.

Beispielsweise: "Es kann keinem Deutschen zugemutet werden, daß er länger mit Juden, als mit einer abgestempelten Rasse von Mördern und Verbrechern und Todfeindes des deutschen Volkes, unter einem Dach lebt. (...)  Die Juden müssen daher aus unseren Wohnhäusern und Wohnvierteln verjagt und in Straßenzügen oder Häuserblocks untergebracht werden, wo sie unter sich sind und mit Deutschen so wenig wie möglich in Berührung kommen.(...) Es kann einem Deutschen nicht zugemutet werden, daß er der Gewalt eines jüdischen Grundherrn untersteht und diesen durch seiner Hände Arbeit ernährt." (Aus einem Artikel der SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" vom 24. 11. 1938)

Oder beispielsweise: "Es kann keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen." (aus dem Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zum Schulunterricht an Juden, 15. 11. 1938).
 
Oder beispielsweise: Für jüdische Jugendliche dürfe es keine Fürsorgeerziehung (sondern nur noch Gefängnis und KZ!) geben, denn: Es könne "den in den Fürsorgeerziehungsanstalten untergebrachten deutschen Menschen nicht zugemutet werden, mit Juden zusammen in Gemeinschaft zu leben." (Schreiben von Martin Bormann, Hitlers engstem Mitarbeiter, an den Reichsinnenminister, vom 4. 2. 1939)
 
Mir ist völlig klar, dass die Analogien, die sich hier meiner persönlichen Ansicht nach in beängstigender und bedrückender Weise aufdrängen, für viele Menschen - und zwar sogar für solche, die aus unterschiedlichen Gründen die Hundeverordnungen ablehnen - nicht nachvollziehbar sind. Dennoch halte ich ganz bewusst daran fest. Denn: Mit dem demagogisch-populistischen Auftrumpfen, was angeblich dem deutschen Volk "nicht mehr zuzumuten" sei, wird auch heute wieder die staatlich sanktionierte, pseudo-moralische Ausgrenzung einer diskriminierten Minderheit aus der "Volksgemeinschaft" der angeblich guten und anständigen Deutschen betrieben. Es wird, siehe Spinnraths Zitat, unterstellt, dass der "Volksgemeinschaft" nicht einmal der bloße Anblick solcher Hunde beim Spaziergang, im Einkaufszentrum - siehe mein oben geschildertes Erlebnis - oder in der U-Bahn "zuzumuten" sei. Von hier ist es meiner Ansicht nach nur noch ein winziger Schritt bis zu jener zweifelsfrei verhaltensgestörten Frau, die sich von ihrem Arzt bescheinigen ließ, sie sei "gegen Neger allergisch", um mit diesem Jagdschein ungestraft schwarze Mitbürger anpöbeln zu können.

Es bedarf doch wohl keiner ernstlichen Erörterung, dass das absolute Beförderungsverbot für "Kampfhunde" in Hamburgs öffentlichen Verkehrsmitteln nicht dem Schutz der Bevölkerung, sondern ausschließlich der Diskriminierung und Ausgrenzung einer zum Sündenbock abgestempelten Minderheit dient. Denn ein Hund mit Maulkorb, zu dem die "Kampfhunde" ja nun einmal sowieso lebenslang verpflichtet sind, kann von vornherein keine Gefahr darstellen.
Wer trotzdem etwas anderes behauptet, wünscht offensichtlich, der Demagogie und Hysterie Vorschub zu leisten.

Diesen Schuh zieht sich natürlich niemand gern an. Stattdessen wurden und werden literweise Krokodilstränen über den "armen Volkan" und "seine arme Mutter" vergossen, um dem dumpfen Vorurteil gegen die sogenannten "Kampfhunde" die höhere Weihe moralischer Legitimation zu verleihen.

Ja, diese Mutter ist tatsächlich zu bedauern! Sie ist so zu bedauern wie irgendeine andere Mutter, die ihr Kind verliert - sei es nun durch einen Verkehrsunfall, durch ein Missgeschick oder mangelnde Vorsicht im Haushalt, durch ein Gewaltverbrechen oder als Opfer irgendeines idiotischen Krieges.
Vor wenigen Monaten wurde eine Untersuchung bekannt, aus der eine entsetzliche Tatsache hervorging: Mehrere tausend Kinder sterben in Deutschland jedes Jahr nur deshalb bei Unfällen, weil hierzulande die Sicherheitsvorschriften extrem niedrig angesetzt sind. Hat man darüber in den Zeitungen gelesen, im Fernsehen etwas vernommen? War es auch nur einen einzigen Tag lang Aufmacher in der BILD, die sich in der Produktion von "Kampfhund"-Hysterie von niemand übertreffen lässt? Hat man zu diesem Thema Kommentare von all denjenigen gelesen,  gesehen oder gehört, die nach dem Tod des kleinen Volkan als Blutrache die vollständige Ausrottung ganzer Hunderassen samt deren Mischlingsnachkommen verlangten? Ach, ich bin ja so bescheiden: Hat auch nur einer, nur ein einziger von ihnen etwas dazu getan, die Meldung der Nachrichtenagenturen über den völlig unnötigen Unfalltod tausender Kinder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen?

Oder, ein anderes Beispiel. Kürzlich wurden in Hamburg zwei kleine Kinder, drei und vier Jahre alt, im Abstand weniger Tage bei vermeidbaren Unfällen getötet:
In Jenfeld wurde ein Mädchen von einem tollwütigen Raser auf dem Zebrastreifen überfahren, als sie mit ihrer Mutter die Straße überquerte. In Wilhelmsburg kam in einer Fußgängerzone ein Junge durch den fahrlässig-unaufmerksam rangierenden Fahrer eines Lieferwagens zu Tode. Der "Unglücksfall" in Jenfeld war in der BILD immerhin zwei Tage lang Thema, der Vorfall in Wilhelmsburg wurde nur kurz gemeldet.

Nein, die Krokodilstränen über "den armen kleinen Volkan" sind verlogen. Nicht um den zweifellos bitter notwendigen Schutz der Kinder geht es den Politikern und den Medien. Sondern, um es mit einem Zitat aus Schillers "Maria Stuart" auszudrücken: "Dieser Mortimer starb Euch sehr gelegen!" - Aus dem grauenvollen Tod eines Kindes haben die Hyänen politisches Kapital geschlagen und tun es bis heute. Etwas Gemeineres, Verächtlicheres ist kaum vorstellbar.

Knut Mellenthin
"Tierschutz!", 1/2001