KNUT MELLENTHIN

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Applaus für Todesschüsse

Das US-Abgeordnetenhaus erhob sich von seinen Plätzen, um den Sicherheitskräften Beifall für die Erschießung einer psychisch kranken jungen Frau zu spenden. Videos zeigen, wie sich zuerst der auf dem Rednerplatz stehende Fraktionsführer der Demokraten, Steny Hoyer, für den „Schutz des Kapitols“ bedankt und wie dann, zuerst etwas zögerlich, nach und nach alle Abgeordneten aufstehen und applaudieren. Anschließend sieht man den Fraktionsführer der Republikaner, Eric Cantor, der verkündet, das Hohe Haus wisse die Arbeit der Sicherheitskräfte „wirklich sehr zu schätzen“. Die Chefin der normalen Polizei der Hauptstadt Washington, Cathy L. Lanier, sprach von einem „heldenhaften Verhalten“ der beteiligten Beamten. Lanier wird nun die Untersuchung des Zwischenfalls leiten. Da kann kaum noch etwas schiefgehen.

Opfer des „heroischen“ Polizeieinsatzes am vorigen Donnerstag war Miriam Carey, eine 34jährige Zahnhygienikerin aus Connecticut, die seit August vorigen Jahres Mutter einer Tochter war. Die junge Frau war unbewaffnet und hatte nach allen bisher bekannt gewordenen Berichten absolut keine bösen Absichten. Was sie veranlasst hatte, zusammen mit ihrem Kleinkind 450 Kilometer von ihrem Wortort nach Washington D.C. zu fahren, ist noch unbekannt. Ihre Mutter war davon ausgegangen, dass sie mit der Kleinen einen Kinderarzt in Connecticut aufsuchen wollte. Sicher scheint, dass Carey an einer nachgeburtlichen Psychose litt, deswegen in ärztlicher Behandlung war, und schwere Medikamente nahm. Diese Erkrankung kann zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen ebenso führen wie zu Panikattacken.

Ob Vermutungen zutreffen, dass Carey zum Weißen Haus vorzudringen versuchte, weil sie glaubte, Botschaften von Präsident Barack Obama zu empfangen, ist ungewiss. Tatsache ist, dass sie eine improvisierte Straßensperre rammte, daraufhin von zahlreichen Mitgliedern des für den Schutz hoher Politiker zuständigen Secret Service mit Schusswaffen umringt wurde, und in Panik mit hoher Geschwindigkeit zu flüchten versuchte. Insgesamt fielen während der Jagd mindestens 17 Schüsse. Gezielt getötet wurde Carey, als ihr Auto bereits stand. Ihre Tochter blieb unverletzt.

Man würde von normalen Parlamentariern in einem normalen Land als völlig selbstverständlich erwarten, dass nicht einmal die Nachricht, soeben sei ein gerichtlich verurteilter Massenmörder hingerichtet worden, sie zu „standing ovations“ veranlassen würde. Und nur Perverse würden zur Tötung einer Frau applaudieren, die niemandem Böses getan hat, sondern einfach nur an einer schweren Krankheit litt. Auch die Mitglieder des Abgeordnetenhauses hätten vermutlich nicht Beifall geklatscht, wenn sie gewusst hätten, was gerade passiert war. Aber genau das haben sie demonstriert: Sie müssen nichts wissen und wollen auch nichts wissen, bevor sie einem Gewalteinsatz zustimmen. Ob Drohnen gegen Pakistan oder Schüssen vor der eigenen Haustür.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 7. Oktober 2013