KNUT MELLENTHIN

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Atomares Damoklesschwert 

Was meint die Regierung der DVRK, wenn sie betont, dass die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel vor allem Schritte der USA erfordert?

Während des gesamten Koreakrieges (Juni 1950-Juli 1953) besaßen die USA auf dem Gebiet der Atomwaffen einen erdrückenden Vorsprung gegenüber der Sowjetunion. Im ersten Kriegsjahr  verfügten sie über rund 300 nukleare Sprengkörper, verglichen mit gerade einmal fünf sowjetischen. Im Jahr des Waffenstillstands war das Verhältnis 1.170 zu 120. Die Neigung US-amerikanischer Militärs  und Politiker, diese riesige Überlegenheit militärisch zu nutzen, bevor sie sich verringerte, war entsprechend groß. 

Schon am 9. Juli 1950, nur zwei Wochen nach Kriegsbeginn, hatte Oberbefehlshaber General Douglas MacArthur gefordert, ihm für die Kriegführung auch Atombomben zur Verfügung zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt entschied sich der Generalstab aber gegen MacArthurs Ansinnen, da es an „lohnenden Zielen“ mangele und Besorgnis über die Weltmeinung so kurz nach dem Einsatz von Atomwaffen gegen Japan bestand.

Diese Einstellung änderte sich angesichts des raschen Vormarsches der Nordkoreaner. Auf einer Pressekonferenz am 30. November 1950 drohte Präsident Harry Truman, die USA seien bereit, in diesem Krieg jede Art von Waffen aus ihrem Arsenal einzusetzen. Am 9. Dezember 1950 bemühte sich MacArthur erneut um die Freigabe von Atomwaffen. Am 24. Dezember 1950 leitete er dem Generalstab eine Liste mit Zielen zu, für die er 26 Atombomben verlangte. Zusätzlich wollte er vier Bomben auf chinesische Truppen, die inzwischen in den Krieg eingegriffen hatten, und weitere vier auf „problematische Konzentrationen der feindlichen Luftwaffe“ abwerfen lassen. Nach dem Krieg erläuterte MacArthur, er habe 30 bis 50 Atombomben einsetzen wollen, um die koreanische Halbinsel durch eine radioaktive Zone von China abzuschneiden.

Ende der 1950er Jahre begannen die USA mit der Stationierung „taktischer“ Atomwaffen in Südkorea. Unter diesem Begriff wurden Trägersysteme mit kurzer Reichweite und relativ kleinen Sprengladungen zusammengefasst. Der militärische Zweck bestand darin, lokale und regionale nukleare Kriege unterhalb der Schwelle der angedrohten gegenseitigen Vernichtung führbar oder zumindest theoretisch denkbar zu machen. Zeitweise hatten die USA in Südkorea bis zu 950 solcher Waffen. Damit verstieß Washington eindeutig und eklatant gegen das Waffenstillstandsabkommen vom Juli 1953. Dieses untersagt es nämlich in Paragraph 13 d allen Beteiligten, ihr Militärgerät auf der Halbinsel zu vermehren und zu verstärken. Die Sachlage war so klar, dass die US-Vertreter während einer Sitzung der Waffenstillstandskommission am 21. Juni 1957 ausdrücklich erklärten, dass sie sich an Paragraph 13 d nicht mehr halten würden.

Schon wenig später verlief die Entwicklung auf beiden Seiten der großen Ost-West-Konfrontation rückläufig: „Taktische“ Atomwaffen wurden zügig abgebaut, ohne dass sie durch neue ersetzt wurden. Im Hintergrund stand dabei anscheinend ein Abrücken von Konzepten eines „führbaren“ Atomkriegs. 1976 waren in Südkorea noch etwa 540 nukleare Bomben und Artilleriegranaten gelagert; bis 1985 sank ihre Zahl auf ungefähr 150. Als sich die Präsidenten der USA und der Sowjetunion, George H.W. Bush und Michail Gorbatschow, 1991 auf die Abschaffung ihrer „taktischen“ Atomwaffen einigten, besaßen die US-Streitkräfte in Südkorea noch etwa 100 davon. Die letzten wurden im Dezember 1991 abgezogen. 

Obwohl es sich um weltweite bilaterale und reziproke Maßnahmen handelten, war die US-Regierung mit einigem Erfolg bestrebt, diesen Abzug als eigene Vorleistung zu verkaufen, der nun entsprechende Schritte der DVRK zu folgen hätten. Tatsächlich unterzeichneten daraufhin beide koreanische Staaten am letzten Tag des Jahres 1991 eine „Gemeinsame Erklärung über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel“. 

Trotzdem betrachtet die Militärdoktrin der USA die DVRK – zusammen mit Iran und Syrien – immer noch explizit als Staaten, die zum Ziel amerikanischer Atomangriffe werden könnten. Diese Einordnung hat nichts mit den drei nordkoreanischen Nukleartests seit 2006 zu tun, sondern ist schon seit dem Koreakrieg vor sechzig Jahren Standard. Entsprechend dieser Doktrin unterhalten die US-Streitkräfte im Pazifik regelmäßig verschiedene Atomwaffenträger, die jederzeit innerhalb weniger Stunden Nordkorea angreifen könnten. Außerdem werden zu den gemeinsamen amerikanisch-südkoreanischen Militärübungen, die fast ununterbrochen stattfinden, immer wieder atomwaffenfähige Bombenflugzeuge auf die Halbinsel verlegt. 

Knut Mellenthin

Junge Welt, 4. Juli 2013