KNUT MELLENTHIN

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Bin Laden und der islamistische Terrorismus

Als ich Bin Laden das erste Mal traf, hieß er Dr. No, Goldfinger, Largo oder Blofeld. Als ich ihn jetzt im Scheichsgewand sah, habe ich ihn trotzdem sofort wiedererkannt: Das ist der große Schurke mit der geisteskranken Phantasie aus den James-Bond-Filmen der 60er Jahre, der in weit verzweigten unterirdischen Bunkersystemen residiert und von dort aus die Welt mit teuflischen Massenvernichtungswaffen und schier unerschöpflichen Finanzmitteln herausfordert. Aus den James-Bond-Filmen weiß ich aber auch: Selbst wenn unsere Elite-Kämpfer demnächst Bin Ladens Bunker zusammenschießen, wird er auf geheimnisvolle Weise aus den Trümmern entkommen und an anderer Stelle wieder auftauchen. Und sollte es wirklich gelingen, ihn zu töten oder gar vor Gericht zu stellen, wird er in einem neuen Körper, unter einem beliebigen neuen Namen, wiedergeboren werden.

Oder hat etwa der CIA-Insider Recht, der Bin Laden mit einem Hahn verglich, der das Aufgehen der Sonne - in diesem Fall: die Anschläge vom 11. September - als Folge seines Krähens darzustellen versucht? Jedenfalls sind am Bild des strategisch planenden, weltweiten Terror-Netzwerks mit Hunderten von langfristig platzierten "Schläfern" und einem 50-Millionen-Dollar-Jahresetat, das Bin Laden von irgendwelchen afghanischen Höhlen aus steuert, größte Zweifel angebracht: Angefangen bei der Tatsache, dass es seit Beginn der amerikanischen Luftangriffe gegen Afghanistan zu keiner einzigen terroristischen "Vergeltungsaktion" gekommen ist.

Die vom US-Außenministerium jährlich erstellte und ständig aktualisierte Liste der "Foreign Terrorist Organisations", die angeblich die nationalen Interessen oder die Sicherheit der USA bedrohen, weist derzeit 28 Namen auf. 17 dieser Organisationen sind in islamischen Ländern beheimatet, und wenigstens 9 davon sind religiös-fundamentalistisch. 6 der aufgelisteten Organisationen sind palästinensisch, als siebte ist die libanesische Hizbollah demselben Konfliktfeld zuzurechnen. Mehrere der in der Liste genannten Organisationen sind schon seit Jahren nicht mehr mit Anschlägen in Erscheinung getreten. Einige - wie die palästinensische "Abu-Nidal-Organisation" (Selbstbezeichnung: Fatah-Revolutionsrat) und die japanische Sekte Aum Shinrikyo (die 1995 Giftgas-Anschläge in der U-Bahn von Tokio verübte) existieren offenbar überhaupt nicht mehr.

Eine Vernetzung der islamistischen Terrororganisationen, in dem Sinne, dass sie ihre Aktionen koordinieren oder gar einer zentral festgelegten gemeinsamen Strategie folgen, war und ist nicht zu erkennen. Dass sich in Bin Ladens Gruppe Al Kaida ehemalige Führungskader aus mehreren Organisationen und Ländern zusammengefunden haben, drückt weniger eine Vernetzung als vielmehr die desolate, perspektivlose Situation des islamistischen Terrorismus in ihren Heimatländern aus.

Dass es überhaupt in den vergangenen Jahren zu Ansätzen einer internationalen Vernetzung des islamistischen Terrorismus kam, ist in erster Linie auf die Politik der USA zurückzuführen. Mit der vermutlich größten Geheimdienst-Operation seit Ende des Zweiten Weltkriegs, mit einem Etat von vielen Milliarden Dollar, steuerte die US-Regierung in den 80er Jahren die Rekrutierung und Ausbildung von Mudschaheddin, "heiligen Kriegern", in allen Ländern der islamischen Welt. Einsatzgebiet: Afghanistan. Ziel: Schwächung der Sowjetunion. Bin Ladens politische Laufbahn begann als Organisator und Finanzier einer internationalen Kette solcher Rekrutierungsbüros. Eines seiner Büros lag damals sogar in Brooklyn, mitten in New York.

Die Ausbildungslager der Mudschaheddin in Afghanistan und Pakistan, in Jemen und Sudan, wurden in erster Linie finanziert von den USA, in engster Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst. Zum Dank flossen Milliarden Dollar ins bankrotte Pakistan, das derzeit mit 37 Milliarden Dollar verschuldet ist und mehr als 40 Prozent seines Staatshaushaltes allein für die Schuldentilgung einsetzen muss.

Der von den USA angeschobene und instrumentalisierte "heilige Krieg" gegen die Sowjetunion führte in Afghanistan Tausende von religiösen Eiferern und Abenteuerlustigen aus Saudi-Arabien, Ägypten, Pakistan, Jemen, Algerien, aus Teilen der Sowjetunion wie Tadschikistan und Tschetschenien, und sogar aus Jugoslawien und Albanien zusammen. Die Idee einer internationalen islamischen Kampfgemeinschaft, in der staatlichen Realpolitik autoritärer Regime bisher nicht mehr als eine schillernde Seifenblase und eine verlogene Propagandaformel, nahm im afghanischen Dschihad, "powered by USA", erstmals praktische Gestalt an.

Von Afghanistan aus wirkte die gemeinsame Kampferfahrung zurück auf die zahlreichen Herkunftsländer der Mudschaheddin. Das verstärkte sich naturgemäß nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte Ende der 80er Jahre, als Tausende von "arbeitslos" gewordenen Kämpfern in die Heimat zurückfluteten und dort den Kampf fortsetzten. Ob Tschetschenien oder Bosnien, Kosovo oder Kaschmir: Überall spielten die Afghanistan-Veteranen eine entscheidende Rolle. Sie brachten aus Afghanistan nicht nur ihre Kampferfahrung mit, sondern auch die Siegesgewissheit, dass selbst eine Weltmacht militärisch zu besiegen ist.

Man mag geneigt sein, angesichts der islamistischen Angriffe gegen US-Einrichtungen auf der arabischen Halbinsel und in Ostafrika, bis hin zu den Anschlägen vom 11. September im Herzen der USA, an Goethes Zauberlehrling zu denken, der die von ihm selbst geschaffenen Kräfte nicht mehr beherrscht. Aber vielleicht unterschätzt eine solche Interpretation die strategische Fähigkeit der zentralen amerikanischen Institutionen, die Folgen ihrer eigenen Handlungen vorauszusehen und zu steuern. Die stärkste Militärmacht der Welt, die zugleich der größte internationale Waffenhändler ist, benötigt zwingend einen Hauptfeind, nachdem ihr die Sowjetunion abhanden gekommen ist. Dieser Feind wurde im islamistischen Terrorismus nicht nur gefunden, sondern teilweise selbst erschaffen.

Knut Mellenthin

Neues Deutschland, 19. November 2001