KNUT MELLENTHIN

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Wo es Erdöl gibt, ist auch el-Kaida

Die US-Regierung ist um Ausreden für ihre imperiale Politik in Afrika nicht verlegen.

Als Region von "strategischer Bedeutung" und "lebenswichtigem Interesse" betrachten maßgebliche Kreise der USA den westafrikanischen Großraum rund um den Golf von Guinea. Etwa 250 Millionen Menschen leben dort heute schon, die Zuwachsrate ist eine der höchsten der Welt. Der größte Staat der Region ist Nigeria, mit etwa 130 Millionen Einwohnern auf Platz 10 der Weltbevölkerung.

Was das Gebiet um den Golf von Guinea, von Liberia bis Angola, so interessant macht, ist vor allem sein Reichtum an Erdöl, der überwiegend erst in den letzten zehn Jahren entdeckt wurde. Nirgendwo auf der Welt werden derzeit so schnell so viele neue Vorkommen gefunden wie hier. Der Anteil Westafrikas an den Erdölreserven der Welt wird auf 7 Prozent geschätzt. Das ist auf den ersten Blick nicht viel. Aber zum einen wird allgemein davon ausgegangen, dass dieser Anteil durch neue Funde, vor allem vor den Küsten, unter Wasser, noch wachsen könnte. Und außerdem gewinnt angesichts der Endlichkeit der natürlichen Energieressourcen der Erde der Verteilungskampf um jedes größere regionale Vorkommen erhebliche Bedeutung.

Die Hälfte des afrikanischen Erdöls geht in die USA

Nach unterschiedlichen Angaben und von Jahr zu Jahr schwankend wird zur Zeit rund 50 Prozent des westafrikanischen Erdöls in die USA exportiert, und nur etwa ein Drittel geht nach Europa. Die Vereinigten Staaten sind mit riesigem Abstand zum Rest der Welt der größte Energieverbraucher. 55 bis 60 Prozent ihres Erdöls müssen sie einführen. Dieser Anteil wird stetig wachsen, da die USA nur noch über begrenzte Reserven auf eigenem Gebiet verfügen. Der Erdöl-Import ist der größte Verursacher der gigantischen Staatsverschuldung Amerikas.

Bis zu 16 Prozent des von den USA eingeführten Erdöls kommt aus dem Raum rund um den Golf von Guinea. Nach Schätzungen könnten es im Jahr 2015 oder 2020 um die 25 oder sogar 30 Prozent sein. Aus der Region käme dann mehr Erdöl in die USA als von der arabischen Halbinsel. Zur Zeit sind am Import der Vereinigten Staaten Kanada und Saudi-Arabien mit jeweils etwa 16 Prozent, Mexiko mit 14-15 Prozent und Venezuela mit 12-13 Prozent beteiligt. Die Anteile verändern sich, bedingt durch wirtschaftliche und politische Faktoren, von Jahr zu Jahr.

Westafrikanisches Öl hat aus amerikanischer Sicht mehrere Vorteile: Seine Qualität ist sehr hoch, es kann also kostengünstig weiterverarbeitet werden. Außerdem ist die Entfernung der Vorkommen von den USA viel kürzer als die der nahöstlichen Quellen, also sind die Transportkosten sehr viel niedriger. Als Vorteil wird auch gewertet, dass ein großer Teil der westafrikanischen Vorkommen offshore sind, also weit vor der Küste im Meer liegen. Das macht zwar die Förderung teurer, verringert aber die Abhängigkeit von politischen Risikofaktoren wie Anschlägen, Entführungen und Bürgerkriegseinwirkungen. Da das Öl von den Bohrinseln aus direkt über den Atlantik verschifft wird, können auch die Transportwege als hochgradig sicher gelten.

Kurz- und mittelfristig liegt die strategische Bedeutung des westafrikanischen Öls für die USA vor allem darin, mögliche Folgen des Konfrontationskurses im Nahen und Mittleren Osten auszugleichen. Sich möglichst weit vom Erdöl der arabischen Halbinsel unabhängig zu machen, das aber ohnehin nur etwa 15 Prozent des gesamten amerikanischen Verbrauchs ausmacht, wird nicht nur von den Neokonservativen, sondern auch von der Mannschaft um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry zur zentralen Voraussetzung für die fällige Abrechnung mit den Saudis hochgespielt. Dabei spielt neben dem Einsatz alternativer Energien und dem Angriff auf die Reserven Alaskas - die sich zum Teil im größten Naturschutzgebiet des Landes befinden, um dessen Freigabe seit Jahren gestritten wird - der Raum um den Guinea-Golf eine wesentliche Rolle.

Wichtig ist aus amerikanischer Sicht auch, sich einen möglichst großen Teil der Vorkommen vor den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich zu sichern, die Westafrika noch Jahrzehnte nach der in den 60er Jahren erfolgten formalen Entkolonialisierung als ihr Einflussgebiet behandelt hatten. In diesem Zusammenhang ist auch die militärische Festsetzung der USA in den französischsprachigen Ländern der Sahelzone und Westafrikas zu sehen, in denen seit der "Unabhängigkeit" immer wieder Soldaten des ehemaligen "Mutterlandes" interveniert hatten.

Über 70 Prozent des afrikanischen Erdöls kommt aus Nigeria

Über 70 Prozent des Ölexports der Region kommen aus Nigeria, das mit einer Tagesproduktion von etwa 2,5 Millionen Barrel weltweit an sechster oder siebter Stelle der Erdöl produzierenden Länder liegt. Für 2020 wird bis zur doppelten Menge prognostiziert. Die Förderung in Nigeria ist allerdings durch harte gewerkschaftliche Kämpfe und durch Aktionen bewaffneter Gruppen großen Instabilitäten und Risiken ausgesetzt. Außerdem ist Nigeria als einziges Land der Region Mitglied der OPEC, die immerhin einen gewissen Schutz der Produzenten gegen den Druck der Ölkonzerne und Großmächte darstellt. Die nigerianische Regierung ist daher starkem amerikanischen Druck ausgesetzt, die OPEC zu verlassen.

An zweiter Stelle der Länder am Golf von Guinea liegt Angola, mit etwa 1 Million Barrel täglich. In fünfzehn Jahren könnten es 3,3 Millionen sein. Mehr als die Hälfte des angolanischen Ölexports geht in die USA. Den dritten Platz nimmt seit kurzem das kleine Äquatorial-Guinea, eine frühere Kolonie Spaniens, ein. Es produziert, mit schnell wachsender Tendenz, 350.000 Barrel täglich und soll bald auch große Mengen Erdgas exportieren. Den früheren portugiesischen Inseln Sao Tome und Principe, die etwa 120 km vor der westafrikanischen Küste liegen, wird zugetraut, ein bedeutender Offshore-Produzent zu werden. Große Vorkommen befinden sich auch in Gabun sowie im Binnenland Tschad.

Als größtes Investitionsprojekt auf dem gesamten afrikanischen Kontinent wurde eine über 1070 km lange Pipeline gebaut, die die Ölfelder im Südtschad mit dem Hafen Kribi im benachbarten Kamerun verbindet, von wo aus das Öl verschifft wird. Die Kosten der vor einem Jahr eröffneten Pipeline werden auf ungefähr 3,7 Milliarden Dollar veranschlagt. Führend beteiligt waren an dem Projekt die amerikanischen Ölgesellschaften ExxonMobil mit 40 Prozent und Chevron mit 25 Prozent des erforderlichen Kapitals. Insgesamt wird damit gerechnet, dass westliche Ölgesellschaften in den kommenden zwanzig Jahren zwischen 40 und 60 Milliarden Dollar in der Guinea-Golf-Region investieren werden.

Aus der strategischen Bedeutung Westafrikas für die Energieversorgung der USA in den nächsten Jahrzehnten ergibt sich die Notwendigkeit einer politischen und militärischen Absicherung. Die meisten dieser Staaten zählen, soweit es die Lebenssituation des größten Teils der Bevölkerung angeht, zu den allerärmsten der Welt. Das gilt selbst für Nigeria und Angola, wo schon seit Jahrzehnten oder zumindest seit etlichen Jahren Öl in großen Mengen gefördert und exportiert wird. Viele Milliarden Dollar sind in diesen beiden Ländern aus den Bilanzen und Staatshaushalten "verschwunden", auf Auslandskonten einer dünnen Oberschicht abgeflossen. Auf der anderen Seite hat die Massenarmut stark zugenommen. Mehr oder weniger in allen Ländern der Region herrschen korrupte Bürokratien mit diktatorischen und verbrecherischen Mitteln. In vielen Ländern Westafrikas werden Bürgerkriege geführt, deren Wurzeln schon Jahrzehnte alt sind, und Militärjuntas wechseln einander ab.

Überfluss an "humanitären" Kriegsgründen

Was auf den ersten Blick für die strategischen Pläne der USA eher ungünstig aussieht, die enorme Instabilität der Region, erweist sich aber genau betrachtet für diese als Glücksfall. "Failed states", gescheiterte Staaten - also solche, die sich anscheinend nicht selbst regieren können und die durch innere Widersprüche oder gar verheerende Bürgerkriege vom Zerfall bedroht sind - stellen für die Propagandisten weltweiter amerikanischer Militärinterventionen eine ideale Voraussetzung dar. Es gibt in Westafrika kaum ein Land, wo die Vorwände für ein "Eingreifen aus humanitären Gründen" nicht auf der Straße liegen oder wenigstens durch geschicktes Schüren interner Gegensätze und Waffenlieferungen an beide Seiten schnell geschaffen werden können. Die Region ist reich an abstoßenden Schurken, mit denen die USA heute bei der Ausplünderung ihrer Länder bestens kooperieren und deren Schandtaten sie schon morgen als Vorwand für militärische Strafaktionen benutzen können.

Die Bevölkerung des nördlichen Westafrika einschließlich des Nordens von Nigeria ist überwiegend moslemisch - also prinzipiell der Bildung oder wenigstens Unterstützung von "al-Kaida-Zellen" verdächtig. In einigen Gegenden, vor allem in Nigeria, haben die Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Nicht-Moslems schon jetzt bürgerkriegsartige Züge. Der von den USA ausgerufene "Krieg gegen den Terrorismus" bedeutet, dass sich für jeden Ort der Welt ein noch so fadenscheiniger Vorwand konstruieren lässt, um imperiale Machtentfaltung zu rechtfertigen. Vor allem in moslemischen Ländern bringt der "Krieg gegen den Terrorismus" zudem fast zwangsläufig die Gegner hervor, die er zu bekämpfen vorgibt, schafft also zumindest nachträglich seine eigene Rechtfertigung.

Als Pilotprojekt haben die USA im Januar dieses Jahres mit dem praktischen Teil der schon im November 2002 grundsätzlich vereinbarten "Pan-Sahel-Initiative" (PSI) begonnen: Offiziere der amerikanischen Special Forces, der Luftlandetruppen und der Marines wurden nach Mauretanien, Mali, Niger und Tschad geschickt, um dort kleine Einheiten (zwischen 150 und 170 Mann) der Landesstreitkräfte in 60tägigen Lehrgängen im "Antiterrorkampf" und in der Überwachung der langen, überwiegend durch kaum bewohnte Wüstengebiete verlaufenden Grenzen zu unterweisen. Außerdem stellten die USA militärische Ausrüstungsgegenstände wie Geländefahrzeuge, LKWs für den Benzintransport, elektrische Generatoren, Funkgeräte und andere Kommunikationsmittel zur Verfügung. Als Dekoration kamen kleine medizinische und andere humanitäre Auftritte wie etwa "Reservisten helfen Kindern" hinzu. Als Gegenleistung räumen die beteiligten Länder den USA Nutzungsrechte auf ihren Militärstützpunkten, insbesondere ihren Flugplätzen, ein.

Der mit nur 7 Millionen Dollar vergleichsweise kärglich ausgestatteten PSI kam lediglich die Bedeutung eines symbolischen Einstiegs und einer ersten Erfahrungssammlung zu. Inzwischen wurde die PSI umbenannt in "Trans Sahara Counter Terrorism Initiative" (TSCTI). Sie soll künftig von den bisherigen vier auf insgesamt mindestens neun Länder ausgeweitet werden. Neben Senegal, dessen Teilnahme offenbar schon feststeht, sollen angeblich auch Nigeria und weitere (bisher ungenannte) Staaten der Region sowie Tunesien, Algerien und Marokko, vielleicht sogar Libyen, einbezogen werden. Die US-Regierung will dafür in einem Zeitraum von fünf Jahren bis zu 125 Millionen Dollar ausgeben.

In Nordostafrika betreiben die Vereinigten Staaten ein ähnliches Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm, die von Präsident Bush im Juni 2003 angekündigte, mit 100 Millionen Dollar ausgestattete "East African Counterterrorism Initiative" (EACTI). Partner des US-Militärs sind Kenia, Uganda, Tansania, Äthiopien, Eritrea und Dschibuti. Zu den Aufgaben der EACTI gehört auch massive Einmischung amerikanischer Berater in die Formulierung der "Anti-Terror-Gesetzgebung" der beteiligten Länder.

Sudan ist das fehlende Glied in der Kette

Ein Blick auf die Afrika-Karte zeigt, dass zwischen den Ländern der früheren PSI, jetzt TSCTI, und den Staaten der EACTI nur ein einziges Land liegt, das noch nicht in diesen sich quer durch den Kontinent ziehenden Gürtel einbezogen ist: der Sudan. Eine Militärintervention unter maßgeblicher amerikanischer Beteiligung würde den Riegel, der die arabischen Staaten Nordafrikas vom Rest des Kontinents trennt, vollständig schließen.

Formal sind die Streitkräfte der USA bisher nur im äußersten Nordosten des Kontinents mit einer ständigen Präsenz vertreten: Die nach dem 11. September 2001 gebildete Combined Joint Task Force Horn of Africa (CJTF-HOA), der 1.800 Marines und "Spezialkommando"-Soldaten angehören, ist im Stützpunkt Dschibuti - einer früheren französischen Kolonie - stationiert. Sie ist für die gesamte Region (einschließlich Jemen) und die angrenzenden Gewässer (Indischer Ozean, Rotes Meer) zuständig. Abgesehen von Dschibuti besitzen die USA bisher keine weitere Militärbasis in Afrika, wohl aber haben sie sich Nutzungsrechte für Dutzende von Stützpunkten in nahezu sämtlichen für sie interessanten Ländern des Kontinents gesichert.

Nach unterschiedlichen Medienberichten streben die USA angeblich die Überlassung von Stützpunkten in Senegal, Mali, Algerien, Marokko, Tunesien, Ghana und Kenia an. Alle diese Behauptungen sind jedoch vorerst rein spekulativ. Amerikanische Politiker und Militärs bestreiten routinemäßig kategorisch, dass sie überhaupt an eigenen Stützpunkten in Afrika interessiert sind. Die bisher schon zugestandenen Nutzungsrechte seien völlig ausreichend, heißt es.

Eine gewisse Realisierungs-Wahrscheinlichkeit kommt jedoch den vielzitierten Empfehlungen der African Oil Policy Initiative Group (AOPIG) zu. Diese einflussreiche Lobby aus Ölgesellschaften, sogenannten Beraterfirmen und Politikern ging aus einem im Januar 2002 veranstalteten Symposium des israelisch-amerikanischen Institute for Advanced Strategic & Political Studies (IASPC) hervor, dessen Hauptsitz sich in Jerusalem befindet und das eine Zweigstelle in Washington unterhält. Das IASPC ist eng mit den amerikanischen Neokonservativen verbunden. In einem im Mai 2002 vorgelegten Thesenpapier schlägt die AOPIG vor, ein einheitliches militärisches Oberkommando der US-Streitkräfte für den gesamten afrikanischen Kontinent zu schaffen. Bisher ist für den größten Teil Afrikas das European Command (EUCOM) mit Hauptquartier in Stuttgart zuständig, außer Nordostafrika, das dem Central Command (CENTCOM) mit Hauptquartier in Tampa, Florida, untersteht. Als Übergangslösung schlägt die AOPIG ein weitgehend autonomes Unterkommando vor, das für ganz Afrika zuständig und formal dem EUCOM unterstellt sein soll.

Die AOPIG plädiert außerdem für die Anlage eines den Golf von Guinea und die angrenzenden Gebiete beherrschenden riesigen Militärstützpunkts, insbesondere eines Heimathafens für einen eventuell neu zu schaffenden Flottenverband mit einem Flugzeugträger, im Inselstaat Sao Tome und Principe. "Eine militärische Präsenz würde nicht nur helfen, mögliche Bedrohungen abzuschrecken, sondern auch die Glaubwürdigkeit der USA erhöhen, indem sie eine zunehmende Zahl von Flottenbesuchen in westlichen und südlichen afrikanischen Häfen erleichtert, zwischenmilitärische Kontakte verbessert und eine langfristige professionelle militärische Kapazität für die Sicherung nationaler Grenzen und ökonomischer Zonen schafft", heißt es im Thesenpapier der AOPIG. Anders gesagt geht es um die Anlage eines zentral gelegenen, großzügig ausgebauten Stützpunkts (zu dem neben einem Flottenhafen auch ein Fluglatz mit langen Landebahnen gehören würde), der jederzeit und absolut sicher als Ausgangsbasis für schnelle Militärinterventionen an beliebigen Punkten der Region um den Guinea-Golf zur Verfügung stehen soll. Für Sao Tome und Principe spricht in diesem Zusammenhang ihre Lage fernab vom Festland, sodass sie für "Terroristen" oder Bürgerkriegsmilizen fast unangreifbar sind. Die Verhandlungen mit der Regierung der Inselrepublik über die Errichtung der amerikanischen Militärzentrale für Westafrika sollen schon weit vorangeschritten sein.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 13.10.2004