KNUT MELLENTHIN

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Tadschikistan und die russische Armee

"Altkommunisten" kontra "Fundamentalisten"

Tadschikistan: 143.000 Quadratkilometer, ungefähr die Größe Griechenlands. Davon mehr als zwei Drittel Hochgebirge über 3000 Meter. Ungefähr 5,5 Millionen Einwohner; davon über 60 Prozent persischsprachige Tadschiken, fast ein Viertel Usbeken und noch schätzungsweise 7 Prozent Russen als Teil der städtischen und industriellen "Führungsschicht".

In der seit Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 unabhängigen Republik begann im Sommer 1992 ein Bürgerkrieg, der in den ersten zwei Monaten dieses Jahres zu einem vorläufigen Abschluß kam - nachdem eine halbe Million Menschen aus ihren Wohnorten geflüchtet sind, viele davon ins benachbarte Afghanistan, und schätzungsweise 100.000 getötet und verletzt wurden.

Behauptet hat sich vorläufige die alte "politische Klasse", die sich um den Machtapparat der früheren KP gruppiert und von den in der Republik stationierten russischen Truppen unterstützt wird. Ihre Gegner, ein Oppositionsbündnis nationalistischer und islamistischer Parteien, mit einem breiten Spektrum zwischen liberal und fundamentalistisch, wurden in die Defensive gedrängt. Ihre Führer, sofern sie gefaßt werden konnten, sind in Haft und sollen abgeurteilt werden. Ihre politischen Organisationen sind verboten und unterdrückt. Ihre bewaffneten Einheiten sind teils zerschlagen, teils ins Hochgebirge der Pamir-Region abgedrängt worden oder agieren von Stützpunkten befreundeter Gruppen in Afghanistan aus. Zu einem Guerrilla-Krieg sind sie zwar immer noch in der Lage und werden es vermutlich auch lange bleiben, sofern es nicht zu einer politischen Versöhnung kommt. Ob sie aber zu der "großen Frühjahrsoffensive" fähig wären, die die neu-alten Machthaber beschwören, um ihr diktatorisches Regiment zu rechtfertigen, erscheint mittlerweile fraglich.

Zumeist werden die gegnerischen Seiten des tadschikischen Konflikts mit "Altkommunisten" einerseits und "islamischen Fundamentalisten" andererseits umschrieben. "Mörderischer Machtkampf zwischen Moslems und Kommunisten: Der Afghanistankrieg springt auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion über." ("Spiegel" Nr. 4/1993) - Andererseits gibt es nicht wenige simple Deutungsversuche, die von politischen Kategorien gar nichts wissen wollen. "Was sich oberflächlich betrachtet als Kampf zwischen kommunistischen und demokratischen Kräften darstellt, ist in Wirklichkeit die Fortsetzung uralter Gegensätze rivalisierender Clans in den nördlichen und südlichen Landesteilen Tadschikistans. Dieser Widerspruch läßt sich bis zu den Zeiten Alexanders des Großen zurückverfolgen." ("Süddeutsche Zeitung", 9.1.93)

Das populäre Deutungsmuster der "rivalisierenden Clans" suggeriert unpolitische Irrationalität und bedient Klischees von B wie Blutrache bis W wie Wildes Kurdistan. Offenbar ist der tadschikische Bürgerkrieg auch das Ergebnis von regionalen Gegensätzen, die aber mit "Clans" nicht zutreffend beschrieben sind und die auch keineswegs "uralt" sind. In erster Linie hängen sie mit der zaristischen Kolonialisierung und später der "Sowjetisierung" Tadschikistans zusammen, sind also erst in den letzten 120 Jahren entstanden.

Da ist erstens die Region um Chodschent, früher Leninanbad, im Norden Tadschikistans, die schon rund 50 Jahre früher als der Rest des Landes unter direkte russische Herrschaft gelangte. Entsprechend länger war dieses Gebiet den Einflüssen eines sich entwickelnden Kapitalismus ausgesetzt, mit dem Ergebnis, daß in diesem flächenmäßig kleinen Bezirk mehr als die Hälfte der gesamten Industrieproduktion Tadschikistans konzentriert ist.

Chodschent und Umgebung waren als "kommunistische Hochburg" zu keinem Zeitpunkt des Bürgerkriegs angefochten. Ja, es kam in diesem Gebiet überhaupt nicht zu Kämpfen, so eindeutig waren dort die Machtverhältnisse, die offenbar auf breitem gesellschaftlichen Konsens beruhen. Hier scheint das alte Weltbild, die industrielle Arbeiterklasse verteidigt ihre sozialistischen Errungenschaften, noch zu funktionieren. Chodschent war auch das Rückzugsgebiet des noch von KP-Kadern dominierten Parlaments, als in der Hauptstadt Duschanbe mehrere Monate lang die Oppositionsparteien regierten.

Chodschent hatte weder die zwischen alter Führung und Opposition im Mai 1992 gebildete Koalition noch erst recht die spätere Alleinregierung der Oppositionsparteien anerkannt. Allgemein wurde davon ausgegangen, daß sich Chodschent vom Rest des Landes trennen würde, falls die "islamistischen" Kräfte die Oberhand behalten hätten. Es wurde für diesen Fall auch mit einem Anschluß an das benachbarte Usbekistan gedroht. Dazu ist zu sagen, daß das Gebiet um Leninanbad/Chodschent zunächst direkt der Sowjetrepublik Usbekistan zugeteilt worden war und erst 1929 zu Tadschikistan kam.

Die Hauptstadt Duschanbe hingegen war ein Zentrum der Bürgerkriegskämpfe. Zeitweise Stalinabad genannt, war sie zu Beginn der sowjetischen Ära eine Kleinstadt mit weniger als 20.000 Einwohnern. Ihre Bevölkerungszahl verzehnfachte sich bis 1959 und hat sich seither noch einmal verdreifacht. Bei der Volkszählung 1989 wurden 600.000 Einwohner gezählt.

Dieser Anstieg war einerseits Ergebnis eines echten "Booms", der vor allem zur Zuwanderung von Russen (Facharbeiter, Verwaltungspersonal, Lehrer usw.) führte, die zeitweise mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausmachten. Es war zweitens aber auch Ergebnis einer von der Not hervorgerufenen massenhaften Fluchtbewegung vom Land in die Stadt. Duschanbe legte sich einen Gürtel von neuen Elendsvierteln zu, in denen die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist.

Die Hauptstadt ist also ein Ort sehr scharfer und sichtbarer sozialer Gegensätze, die schon in der Gorbatschow-Ära in Angriffen auf russische Einwohner kulminierten. Die "Unterschichten" scheinen 1992 mehrheitlich die islamistischen Kräfte unterstützt zu haben, während die relativ privilegierten Teile der Bevölkerung teils mit der alten politischen Klasse sympathisierten, teils aber auch demokratische Optionen vorzogen, die sich jedoch im Bürgerkrieg als eigenständige Strömung nicht behaupten konnten. Vermutlich deshalb, weil dort, wo Waffen eingesetzt werden, fast automatisch die radikalen Kräfte auf beiden Seiten dominieren.

Zusätzlicher Konfliktstoff entstand in Duschanbe daraus, daß nach Beginn des Bürgerkriegs im Süden der Republik Zehntausende von Flüchtlingen beider Seiten in die Hauptstadt strömten. Sie trugen indirekt zur Verschärfung der materiellen Notstände in Duschanbe bei und bildeten ein zusätzliches Rekrutierungspotential für die Bürgerkriegsparteien.

Im Süden Tadschikistans, wo der Bürgerkrieg am heftigsten und mit den schlimmsten Folgen für die Bevölkerung geführt wurde, wurden die Kriegsparteien gern mit zwei Regionen identifiziert: Auf der einen Seite die Leute aus Kulyab, das als "kommunistische Hochburg" bezeichnet wurde. Auf der anderen Seite das Gebiet von Kurgan-Tjube, dessen Bewohner als Anhänger der Oppositionsparteien, insbesondere der radikalen Islamisten, galten. In Kommentaren wurden vor allem diese zwei Gebiete oft mit "verfeindeten Clans" gleichgesetzt, so als ob es sich um irgendwelche alten Stammesfeindschaften handeln würde.

Tatsächlich aber sind die Bevölkerungsverhältnisse im Süden Tadschikistans in erster Linie das Ergebnis totaler Umschichtungen, die erst in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts erfolgten. Besonders das Tal von Kurgan-Tjube war Anfang der zwanziger Jahre ein Zentrum des reaktionär-islamistischen "Basmatschen"-Guerrillakriegs gegen die Sowjetmacht. Folge war, daß Hunderttausende aus den Kampfzonen flüchteten und manche Gebiete nahezu entvölkert wurden. Nach Ende der Kämpfe erfolgte, teilweise mit Druckanwendung, eine heterogene Neubesiedlung, so daß nun teils Bewohner des Berglandes von Badachschan, teils rückkehrwillige Flüchtlinge, teils Usbeken, teils Russen, teils Kirgisen ansässig wurden. Weitere Neuansiedlungen ergaben sich daraus, daß mit der forcierten Ausdehnung des Baumwollanbaus der Bedarf an Arbeitskräften stieg - auch in manchen bis dahin landwirtschaftlich nur wenig genutzten und dünn besiedelten Tälern.

Diese Heterogenität blieb in den folgenden Jahrzehnten weitgehend bestehen. Es gab usbekische, badachschanische, russische usw. Kolchosen, die sich gegeneinander abgrenzten, Feindschaften austrugen und über, wenn auch alles andere als hochmoderne, Waffenarsenale verfügten. Die Badachschani gelten überwiegend als Anhänger des Islamismus. Vorherrschend ist, als Ausnahmeerscheinung unter den Muslimen der früheren Sowjetunion, die schiitische Strömung der Ismaeliten - weltbekannt durch ihr Oberhaupt Aga Khan.

Neutralität auf russische Art

Eine erhebliche Rolle spielen im tadschikischen Bürgerkrieg die in der Republik stationierten russischen Soldaten, vor allem die 201. Motorisierte Division; daneben, und seit dem Sieg der "altkommunistischen" Kräfte in Duschanbe hauptsächlich, auch die russischen Grenztruppen, die an der Grenze zu Afghanistan stationiert sind.

Gewiß unterhält Rußland dort keine große Armee. Zusammen werden es vermutlich weniger als 10.000 Mann sein. Doch ist das Gewicht dieser Truppen ausschlaggebend in einer Situation, wo sonst nur kleine fraktionelle Milizen existieren, die keinem einheitlichen Kommando folgen, die außerdem zumeist schlecht ausgebildet und bewaffnet sind und die zudem noch politisch unzuverlässig sind.

Erst in diesem Jahr hat die tadschikische Regierung angekündigt, sie wolle eine eigene Armee aufbauen. Schon jetzt ist klar, daß sie auch dabei wieder völlig auf russische Unterstützung angewiesen ist. Moskau hat zugesagt, tadschikische Offiziere würden künftig bei den russischen Streitkräften ausgebildet. Umgekehrt sollen russische Ausbilder auch nach Tadschikistan geschickt werden. Rußland will außerdem kostenlos Waffen liefern und logistische Unterstützung leisten.

Wieweit die Abhängigkeit geht, wird auch an der Person des im Februar eingesetzten tadschikischen Verteidigungsministers Schischljanikow deutlich: er ist Russe, hat vorher im Verteidigungsministeriums Usbekistans gearbeitet und scheint mit Tadschikistan bisher wenig zu tun gehabt zu haben. Logisch, daß er sich mit der Äußerung ins Amt einführte, die 201. Division bleibe auch künftig Garantin der Stabilität im Lande.

Dabei sollten die russischen Truppen sich eigentlich, vielfachen eigenen Bekundungen zufolge, "völlig neutral" verhalten, nur "die streitenden Kräfte trennen" und dafür sorgen, daß wertvolle Bauwerke wie etwa Regierungssitz, Flughafen, Kraftwerke sowie zentrale Verkehrswege bei den Kämpfen keinen Schaden nehmen. Aber wie neutral können russische Truppen in einem Konflikt sein, wo auf der einen Seite Kräfte stehen, die möglichst viel vom alten System und von der Union erhalten wollen, während ihre Gegner pauschal als "islamische Fundamentalisten" gelten, die von Afghanistan aus gesteuert werden?

Schon 1992 wurde vom Oppositionsbündnis wiederholt behauptet, russische Einheiten hätten sich auf die Seite der "altkommunistischen" Kampfverbände geschlagen. Sei es durch die Übergabe schwerer Waffen (Geschütze, Panzer, Raketen), sei es gelegentlich auch durch direktes Eingreifen. Ob und wieweit das zutrifft, läßt sich nach den bisherigen Berichten nicht entscheiden. Doch zeigt die allgemeine Erfahrung, daß überall, wo die sowjetische, russische oder GUS-Armee in Konfliktgebieten stationiert ist, große Mengen von Waffen in die Hände der Kampfparteien gelangen. Auch über die direkte Beteiligung russischer Soldaten und Offiziere an Kämpfen ist so oft berichtet worden, daß an der Tatsache grundsätzlich wohl nicht mehr zu zweifeln ist. Geld spielt dabei oft die entscheidende Rolle, daneben aber offenbar auch politische Sympathien. Wo es ein so klares und klassisches Feindbild gibt wie in Tadschikistan - "islamischer Fundamentalismus" - ist der Weg zur direkten Parteinahme nicht weit. Zumal da angeblich unter den russischen Truppen dort viele "Internationalisten" sind, das heißt Leute mit Kriegserfahrung aus der Afghanistan-Intervention. In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, daß Tadschikistan jahrelang das direkte Hinterland für die sowjetische Kriegführung in Afghanistan war. Die Wacht an der tadschikischen Südgrenze gibt den Armeeangehörigen, die nicht nur unter sozialer Deklassierung, sondern oft auch unter "Sinnverlust" leiden, wieder eine politische Funktion zurück.

Seit im Dezember 1992 die "Altkommunisten" wieder in Duschanbe an der Macht sind und jede Opposition unterdrückt ist, kann von Neutralität der russischen Truppen nicht einmal mehr auf dem allzeit geduldigen Papier die Rede sein. Ihre Hauptaufgabe besteht heute darin, das Eindringen von regierungsfeindlichen, meist islamistischen, Guerrilla-Verbänden aus Afghanistan zu verhindern.

Da es derzeit ausgeschlossen scheint, direkt gegen die Rückzugsgebiete der tadschikischen Oppositionskräfte in Afghanistan vorzugehen, wird es vermutlich zu einem langen Kleinkrieg kommen. Es sei denn, Afghanistan selbst oder bestimmte Kräfte dort könnten dazu bewegt werden, ihren tadschikischen Gästen das Leben schwer zu machen. Anderenfalls droht Rußland erneut die Verwicklung in einen militärischen Konflikt, dessen Ende nicht abzusehen ist. Daß es schon jetzt Probleme gibt, läßt sich aus der Ablösung des Chefs der russischen Grenztruppen Mitte April ablesen. Besonders wurde ihm angeblich ein Vorfall angelastet, bei dem zehn seiner Soldaten von Guerrilla-Kämpfern gefangen genommen wurden und erst nach langen Verhandlungen wieder freikamen.

Der Versuch einer Internationalisierung des Militäreinsatzes ist praktisch anscheinend noch nicht sehr weit vorangekommen. Zwar haben außer Rußland schon im Herbst 1992 Usbekistan, Kasachstan und Kyrgystan die Entsendung von "Friedenstruppen" nach Tadschikistan zugesagt. Das wurde am Rande des Minsker GUS-Gipfeltreffens im Januar noch einmal bekräftigt. Zusammen soll es sich um fünf Bataillone mit einer Gesamtstärke von 2500 Mann handeln, also um recht kleine nationale Kontingente. Ihre Aufgabe soll gleichfalls die Bewachung der Grenze zu Afghanistan sein. Es war zu lesen, daß das kirgisische und das usbekische Bataillon inzwischen eingetroffen seien; nichts verlautete über die kasachische Einheit.

Ob das kirgisische Bataillon lange auf dem Posten bleibt, hängt von der Entwicklung der Innenpolitik in Kyrgystan ab. Die Regierung von Präsident Akajew neigt eigentlich eher dazu, sich aus der ganz engen Bindung an Rußland etwas zurückzuziehen. Deutlich wird das u.a. an der Ankündigung Akajews, die russischen Truppen sollten innerhalb von zwei oder drei Jahren Kyrgystan verlassen. Doch stellt das noch unter dem alten System gewählte Parlament eine mächtige Gegenkraft dar.

Und was den usbekischen Beitrag zur Militärintervention in Tadschikistan angeht: Das diktatorische Regime in Taschkent hat anscheinend erhebliche Befürchtungen vor einem Übergreifen islamistischer Tendenzen. Es fragt sich jedoch, ob die direkte Verwicklung in den tadschikischen Bürgerkrieg diese Gefahr wirklich eindämmt oder vielleicht langfristig sogar erhöht. Hinzu kommt das Risiko, daß nationaler Konfliktstoff entsteht oder verschärft wird. Das Verhältnis zwischen den "turkstämmigen" Usbeken und den persischsprachigen Tadschiken ist historisch belastet. Fast ein Viertel der Einwohner Tadschikistans sind usbekischer Nationalität. Die 1926 von der Sowjetregierung künstlich gezogene Grenze - es gab früher niemals einen Staat Usbekistan oder Tadschikistan, also auch keinen historischen Grenzverlauf - bietet Streitpunkte, ebenso wie übrigens auch die tadschikische-kirgisische.
Garanten der Stabilität

Das militärische Engagement in Tadschikistan muß auch im Zusammenhang der russischen Großmachtpolitik nach dem Ende der Sowjetunion gesehen werden. Politiker wie Militärs heben die "strategische Bedeutung" Zentralasiens für Rußland hervor. Deshalb könne und werde Moskau nicht zulassen, daß extremistische Kräfte Tadschikistan destabilisieren, wie es Außenminister Kosyrew ausdrückte. Auch müsse man natürlich die russische Bevölkerung schützen. Verteidigungsminister Gratschow fügte, als er Anfang Februar Duschanbe besuchte, ein klassisches Argument hinzu: die russischen Truppen seien ein "Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus".

Die "strategischen Interessen" Rußlands stellen die Ansätze einer bescheideneren Variante der alten Breschnew-Doktrin dar, nämlich den Anspruch, überall im Gebiet der früheren Sowjetunion die Vormachtstellung Rußlands nötigenfalls auch mit militärischen Mitteln zu behaupten. Im Sinne dieser Orientierung sind heute russische Truppen nicht nur in fast allen Teilen der GUS stationiert, sondern auch in Georgien, obwohl dieses nicht Mitglied der GUS ist und dringend den Abzug der ungebetenen Gäste fordert, die sich gelegentlich in den Konflikt mit der abchasischen Minderheit einmischen. Ähnlich ist auch die militärische Rolle Rußlands in Moldova, wo die Armee die faktische Trennung des russisch-ukrainisch dominierten östlichen Landesteils vom Rest der Republik abschirmt.

Der Oberbefehlshaber der GUS-Streitkräfte, General Schaposchnikow, formuliert offen, daß Rußland Garant für den "Frieden" auf dem Gebiet der ehem. UdSSR sein müsse. Es sei doch kein Geheimnis, daß Rußland auf allen Gebieten das Zentrum der GUS sei - in der Wirtschaft, bei den Bodenschätzen und eben auch beim Verteidigungspotential.

Noch einen Schritt weiter ging Präsident Jelzin: er machte den Vorschlag, die UNO sollte Rußland förmlich den Auftrag und die Vollmacht erteilen, Frieden und Stabilität im Gebiet der ehem. Sowjetunion zu garantieren. Oder, muß man wohl mit Blick auf konkrete Vorgänge hinzufügen, den "Frieden" nötigenfalls auch militärisch zu erzwingen.

Jelzin bekam für diese Idee zwar von Seiten der USA und Westeuropas keinen freudigen Applaus, aber es verwies auch niemand den Gedanken in den Bereich der Phantasterei oder der Anmaßung. Daß die russische Armee recht eigenwillig in Staaten agiert, die nach dem Zerfall der Sowjetunion souveräne Völkerrechtssubjekte sind, wird offensichtlich ohne den geringsten Protest international akzeptiert. Und das sogar in Fällen, wo die russischen Truppen eindeutig von den zuständigen Regierungen nicht gewünscht werden (Georgien, Moldova).

Im Fall Tadschikistans stellt die Behauptung, man müsse den "islamischen Fundamentalismus" eindämmen, ein spezielles Argument dar, dem sich sowieso kein westlicher Politiker verschließen kann. Es gibt aber offenbar ein weit darüber hinausgehendes Interesse, Rußland als Ordnungsmacht auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion gewähren zu lassen. Ausgenommen davon scheinen zur Zeit lediglich die drei baltischen Republiken, deren Unabhängigkeit wohl als unumkehrbar angesehen wird. In Bezug auf alles andere hat die russische Regierung freie Hand, solange sie von ihren riesigen militärischen Möglichkeiten nur in Einzelfällen und maßvoll Gebrauch macht.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 5. Mai 1993