KNUT MELLENTHIN

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Zentralasien - eine Region "am Rand der Welt"

Seit Sommer 1992 wird in der früheren zentralasiatischen Sowjetrepublik Tadschikistan Krieg geführt. Die Zahl der Obdachlosen und Flüchtlinge wird mit mindestens 500.000 angegeben, die der Toten und Verletzten mit mehr als 100.000. Im Dezember setzten sich Kräfte durch, die in der Presse meist "Altkommunisten" genannt werden, während ihre Gegner als "Demokraten und Muslime" oder auch als "islamische Fundamentalisten" bezeichnet werden. Zu vermuten ist, daß das Abflauen der Kämpfe in erster Linie der Jahreszeit zuzuschreiben ist. Zweifellos sind die "islamischen" Kräfte militärisch noch nicht geschlagen, sondern haben sich ins Bergland östlich der Hauptstadt Duschanbe, ins Hochgebirge des Pamir-Gebiets oder auch nach Afghanistan zurückgezogen. Die tadschikische Regierung hat mehrfach erklärt, daß sie für das Frühjahr eine neue Offensive der "Rebellen" erwarte. Sicher dient das auch der Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung kriegsrechtlicher Zustände sowie als Argument für das Einwerben militärischer und materieller Unterstützung vor allem Rußlands.

Der Krieg in Tadschikistan hat bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gefunden, weder bei den "Bürgerlichen" noch bei den Linken. In den letzten Monaten, seit die Phase der spektakulären Ereignisse erst einmal vorbei ist, war fast gar nichts mehr über den Fortgang der Dinge zu lesen. Seltsam ist das schon, vergleicht man es etwa mit der "engagierten" Aufgeregtheit, mit der von unterschiedlichen Seiten über Jugoslawien gesprochen wird. Es scheint die Auffassung vorzuherrschen, daß Tadschikistan sehr weit weg ist, daß die Vorgänge sowieso nicht zu verstehen seien, und daß es ja im Gebiet der früheren Sowjetunion überall drunter und drüber gehe, wovon man sich nur schaudernd abwenden könne.

Tatsächlich ist der Krieg in Tadschikistan aber im allgemeinen Kontext der "Zeit der Wirren" nach dem Zusammenbruch der UdSSR und des Ostblocks ein Spezialfall. Es ist neben den Kriegen zwischen Georgien und Abchasien sowie zwischen Armenien und Aserbaidschan der einzige Konflikt dieser Größenordnung auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Und es ist der einzige "echte Bürgerkrieg" in dem Sinn, daß explizite nationale Gegensätze keine Rolle spielen. Insofern enthält er eine Konfliktdimension, die angesichts der unübersehbaren "Renaissance des Nationalismus" bisher wenig beachtet wird, aber die durchaus noch eine fatale Rolle beim weiteren Gang der Entwicklung im früheren Unionsgebiet spielen könnte.

In diesem Text wird dennoch von Tadschikistan selbst erst am Schluß die Rede sein, da einige Anhaltspunkte notwendig sind, um den Konflikt im Zusammenhang der Voraussetzungen, der Geschichte und der heutigen Situation Zentralasiens zu sehen.

Das "Armenhaus" der Sowjetunion

Die fünf zentralasiatischen Republiken der früheren Sowjetunion nehmen zusammen eine Fläche von annähernd 4 Millionen Quadratkilometern ein. Das entspricht rund 18 Prozent des sowjetischen Gesamtgebiets. Allein Kasachstan ist über 2,7 Millionen qkm groß, ungefähr das Vierfache der Ukraine oder mehr als das Siebenfache der vereinigten BRD.

Die vier anderen Staaten der Region sind Usbekistan, Turkmenistan, Kyrgystan und Tadschikistan. Zusammen dürften sie heute etwas weniger als 55 Millionen Einwohner haben. Die größte Bevölkerung hat Usbekistan mit etwa 22 Mio., gefolgt von Kasachstan mit rund 18 Mio.

Das ehemals sowjetische Zentralasien weist mit 12,6 Einwohnern pro Quadratkilometer (Stand der letzten Volkszählung 1989) eine sehr geringe Besiedlungsdichte auf. Sie liegt noch etwas unter dem Gesamtdurchschnitt der Sowjetunion (13), der maßgeblich durch die riesigen, fast "menschenleeren" Räume des östlichen und fernöstlichen Rußlands geprägt ist. (Zum Vergleich die Besiedlungsdichte der Ukraine: 84,2/qkm).

Die Differenz zwischen den einzelnen zentralasiatischen Republiken ist erheblich: Usbekistan hatte 1989 45,2 Einwohner pro qkm; Tadschikistan 36,4/qkm; Kyrgystan 22,2/qkm; Turkmenistan 7,4/qkm; Kasachstan 6,1/qkm. Die Unterschiede zwischen einzelnen Gebieten der Region sind sogar noch weit krasser, als es in den Durchschnittszahlen zum Ausdruck kommt. Turkmenistan beispielsweise besteht zu mehr als 80 Prozent aus Wüsten, Kasachstan überwiegend aus kaum besiedelten Steppen. 90 Prozent Tadschikistans liegen in Berghöhen von über 1000 Meter, etwa 70 Prozent sogar über 3.000 Meter. Die hochgebirgige Pamir-Region Tadschikistans, die einen Sonderstatus als autonomer Bezirk hat, nimmt etwa die Hälfte des Territoriums dieser Republik ein, aber es leben hier nur etwa vier Prozent ihrer Bevölkerung. Auch Kyrgystan ist ganz überwiegend von Bergen bedeckt.

Die für eine intensivere Besiedlung geeigneten Gebiete (Oasen, Täler, Flußläufe) liegen wie eingestreute Inseln inmitten von großen Flächen, die früher nur von Nomadenstämmen bewohnt werden konnten und selbst einem bescheidenen Handelsverkehr enorme Hindernisse entgegensetzten. Staaten konnten sich hier nur in engen Grenzen herausbilden, weite Gebiete waren realpolitisch einfach nicht beherrschbar, sondern blieben Stammesterritorium, auch wenn gerade einmal formal der Machtanspruch des einen oder anderen konkurrierenden Potentaten anerkannt wurde. Selbst die Gebiete mit den günstigsten Voraussetzungen (Teile der heutigen Republiken Usbekistan und Tadschikistan) gerieten zunehmend an den Rand der geschichtlichen Entwicklungen und zeichneten sich gegenüber anderen Regionen der islamischen Welt durch extreme Stagnation und Rückständigkeit aus.

Daraus wird verständlich, warum die fünf zentralasiatischen Republiken in Hinblick auf Pro-Kopf-Einkommen und -Produktion wie auch hinsichtlich Faktoren wie Industrialisierungsgrad und Infrastruktur die Schlußlichter aller sowjetischen Statistiken bildeten. Wobei Tadschikistan in jeder Hinsicht auf dem allerletzten Platz rangiert, hinter Usbekistan. Dafür sind diese beiden Republiken aber Spitzenreiter im Bevölkerungswachstum, mit ungefähr dem Vierfachen des sowjetischen Durchschnitts.

"Pantürkische" Träume

Usbeken, Kasachen, Kirgisen und Turkmenen gelten als Teile der großen Gruppe der "Turkvölker", also als mehr oder weniger enge Verwandte der Türken. Nur die Tadschiken zählen zu den iranischen, das heißt den Persern nahestehenden Völkern. Die überwiegende "Turkstämmigkeit" des russischen bzw. sowjetischen Zentralasiens (wie auch der angrenzenden Gebiete Chinas) war schon seit Beginn dieses Jahrhunderts immer wieder Anlaß für ideologische Spekulationen und Ambitionen türkischer Nationalisten. Unter dem Schlagwort des "Pantürkismus" wurden Träume von einem Großreich quer durch Mittelasien gepflegt und propagiert - teilweise mit Assistenz deutscher Dienststellen, erst des Kaiserreichs, dann des NS-Staates.

Seit die Sowjetunion nicht mehr existiert, haben die Ideologen des "Pantürkismus" wieder einmal Konjunktur. Der türkische Regierungschef Demirel sprach im Mai 1992 nach einer Reise durch Zentralasien und Aserbaidschan: "Niemand kann bestreiten, daß es eine türkische Welt gibt, die sich von der Adria bis zur Chinesischen Mauer erstreckt. Die Türkei hat die Verantwortung auf sich genommen, diese türkische Welt zu vertreten." - Im Oktober 1992, als Präsident Özal die Vertreter der fünf "turkstämmigen" Republiken in Ankara empfing, teilte er ihnen mit: Ihre Länder und die Türkei seien Äste eines einzigen Baumes; ihre Sprache, Kultur und Geschichte seien identisch. "Wir sind eine große Familie." Es gelte, die historisch einmalige Chance zu ergreifen, "das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert der Türken zu machen."

Am ehesten läßt sich eine verwandtschaftliche Beziehung noch auf dem Gebiet der Sprachen nachweisen. Im übrigen ist aber festzustellen, daß das türkische Staatsvolk weder biologisch noch kulturell viel mit den kriegerischen Nomaden zu tun hat, die - oft gemeinsam und vermischt mit mongolischen Stämmen - vor vielen Jahrhunderten den langen Weg aus der Steppe in die attraktiveren Gefilde Europas antraten. Zentralasien ist seit Jahrhunderten weitgehend von der Entwicklung der Türkei bzw. davor dem Osmanischen Reich abgeschnitten, schon aufgrund der Entfernung. Die usbekische Hauptstadt Taschkent, Mittelpunkt der Region, ist vom Osten der Türkei über 2000 km (Luftlinie) entfernt, und nach Istanbul ist es weiter als nach Moskau.

Das unterscheidet Zentralasien grundsätzlich von Aserbaidschan, das der Türkei fast benachbart ist - tatsächlich haben sie nur 12 km gemeinsame Grenze, weil Armenien dazwischen liegt -, und das lange Zeit unter direktem osmanischen Einfluß stand. Die städtische Kultur Zentralasiens hingegen, ihre historischen Metropolen wie Buchara und Samarkand, ist eindeutig von Persien her geprägt.

Wie Zentralasien russisch wurde

Zentralasien gehörte zu den letzten Gebieten, die sich das russische Reich unterwarf. Das mag, neben anderen Faktoren, auch daran gelegen haben, daß die ausgedehnte kasachische Steppe mit ihren recht widerstandsfähigen Stämmen wie ein umfassender Abwehrring um die vom kolonialistischen Standpunkt aus interessanteren Gebiete der Region lag. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte Rußland sich nur einige Randbereiche Kasachstans unterworfen. Die eigentliche Epoche der systematischen Eroberung begann erst um 1830.

In dieser Zeit gab es südlich Kasachstans drei Staaten - die Fürstentümer Buchara, Kokand und Chiva. Alle drei wurden von usbekischen Aristokratien beherrscht, waren aber alles andere als Nationalstaaten. Aufgrund der geographischen Voraussetzungen waren es auch keine Zentralstaaten; die Autonomie etlicher Unterfürsten, beispielsweise im Westen des Pamir-Gebiets, war groß. Die nomadischen "Untertanen" waren kaum zu kontrollieren, zumal die Armeen der drei Staaten winzig und wenig beweglich waren.

Zwischen 1865 und 1875 zerschlug Rußland das Fürstentum Kokand und machte das Gebiet zu einer russischen Provinz. Im gleichen Zeitraum wurden auch Buchara und Chiva unterworfen, blieben aber als staatliche Hüllen noch erhalten. Vertraglich mußten sie die Oberhoheit Moskaus anerkennen, mußten insbesondere auf eine selbständige Außenpolitik und Außenwirtschaft verzichten. Außerdem hatten sie die Stationierung russischer Truppen zu akzeptieren. Das Gebiet der beiden Vasallenstaaten entsprach etwa dem heutigen Usbekistan (jedoch ohne Taschkent und Samarkand) und dem Westen Tadschikistans (ohne die nördliche Zone um Chodschent).

Zwischen 1873 und 1881 unterwarf Rußland in blutigen Feldzügen und Massakern auch die Nomadenstämme des heutigen Turkmenistans. Durch einen Vertrag mit England, der die imperialen "Einflußsphären" beider Staaten definierte, gelangte das Zarenreich 1895 in den Besitz des östlichen Pamir. Erst um 1905 kam das westliche Pamir-Gebiet hinzu, das bis dahin zu Buchara gehört hatte.

Die unterschiedlichen Zeitpunkte und Formen, in denen sich Rußland den zentralasiatischen Großraum unterwarf, prägten dessen weitere Entwicklung und sind in ihren Folgen bis heute ablesbar. Ausgedehnte Randzonen Kasachstans - sowohl im Norden wie auch im Nordosten und Osten - waren teilweise schon im 18. Jahrhundert, vor allem aber seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ziel einer russischen Masseneinwanderung, insbesondere der bäuerlichen Landnahme. Das bot auch ein willkommenes Ventil für die damalige relative Übervölkerung ländlicher Gebiete des Zarenreichs.

Die russische Zuwanderung nach Kasachstan erlebte einen zweiten Aufschwung in den ersten Jahrzehnten des "sozialistischen Aufbaus". Betrug 1926 der russische Bevölkerungsanteil 19,7 Prozent, so erreichte er bei der Volkszählung von 1959 mit 42,7 % seine Rekordhöhe und ging seither etwas zurück. 1989 wurde er mit 38 % angegeben und dürfte heute bei 35 % liegen.

Noch immer leben Russen in Kasachstan in großer Zahl nicht nur in den Städten, wo sie zumindest bis vor einigen Jahren fast überall die Bevölkerungsmehrheit bildeten, sondern auch auf dem Land. Ihr Anteil dort wurde bei der Volkszählung 1970 mit 26,3 % angegeben und mag heute um die 20 % liegen. Mehrere Bezirke im Norden und Nordosten der Republik haben solide russische Mehrheiten. Mit Blick darauf haben russische Politiker bei der Auflösung der Sowjetunion 1991 die Frage einer "Überprüfung" der russisch-kasachischen Grenze aufgeworfen. Höchstwahrscheinlich würde daraus ein wirkungsvolles Druckmittel, wenn jemals in Kasachstan "antirussische" Kräfte die Oberhand gewinnen würden, wofür es allerdings überhaupt keine Anzeichen gibt.

Abgesehen von den noch zu erörternden allgemeinen Gründen, die mehr oder weniger alle zentralasiatischen Republiken zu einer engen Zusammenarbeit mit Rußland veranlassen, ist für Kasachstan ein Sonderweg auch aufgrund der Bevölkerungsverhältnisse unvorstellbar.

Ähnliches gilt abgeschwächt auch für Kyrgystan mit einem russischen Bevölkerungsanteil von über 20 Prozent, wobei neben der Zuwanderung in Städte und Industriezentren ebenfalls eine breitere bäuerliche Besiedlung in einigen Bezirken schon seit dem vorigen Jahrhundert stattgefunden hat.

Der Unterschied zu den früheren Staatsgebieten von Buchara und Chiva, die nicht direkt vom Zarenreich annektiert worden waren, ist offensichtlich. So lag der russische Anteil im heutigen Tadschikistan, ehemals der Osten Bucharas, noch 1926 bei nur 0,7 Prozent. Er erreichte 1959 mit 13,3 % das Maximum und wird heute wohl bei etwa 7 % liegen. Die Differenz zwischen Stadt und Land ist groß: 1970 waren 38,6 % der tadschikischen Stadtbevölkerung, aber nur 1,2 % der Landbevölkerung russischer Abstammung. Das zeigt, daß Russen hierher in erster Linie erst im Zuge des "sozialistischen Aufbaus" und in dessen Zusammenhängen - als Facharbeiter, Verwaltungskräfte, Parteifunktionäre, Lehrer - eingewandert sind bzw. von Staats wegen systematisch dorthin geschickt wurden.

Ähnlich verlief die Entwicklung in Usbekistan, wo der russische Anteil 1926 erst bei 4 Prozent lag (hauptsächlich wohl in Taschkent, das schon um 1880 russisch geworden war) und heute ungefähr 7 % ausmacht. Nicht viel größer ist der Prozentsatz der Russen in Turkmenistan, das zwar schon im vorigen Jahrhundert annektiert wurde, aber für eine massenhafte Einwanderung keine reizvollen Voraussetzungen mitbrachte. Auch hier gilt, daß sich die russische Bevölkerung auf die wenigen Stadtgebiete und Industriezonen konzentriert, wo sie etwa ein Viertel der Einwohner ausmacht, hingegen nur äußerst spärlich in den ländlichen Gebieten lebt.

Sozialismus als Kolonisierung?

Als die Welt noch in Ordnung war und alle Dinge sehr viel schlichter gesehen wurden, hieß es in einem DDR-Lexikon unter dem Stichwort Tadschikistan: "In den Jahren nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vollzog das tadschikische Volk in kürzester Zeit den Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus und beseitigte seine ökonomische und kulturelle Zurückgebliebenheit. In der 2. Hälfte der dreißiger Jahre siegten die sozialistischen Produktionsverhältnisse."

Der Versuch einer sozialistischen Revolution und Umgestaltung im Gebiet des ehemaligen Zarenreichs litt allgemein darunter, daß die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt im Sinn der marxistischen Tradition nur schwach und ungleichmäßig entwickelt war, ebenso wie sich die Entwicklung kapitalistischer Industrieverhältnisse nur auf einem relativ niedrigen Niveau befand.

Selbstverständlich galt das um vieles stärker in Zentralasien. Industrie gab es in der gesamten Region um 1917 fast überhaupt noch nicht, abgesehen von primitiven Formen der Aufbereitung von Rohbaumwolle und Rohseide. Die Zahl sämtlicher Industriearbeiter beispielsweise in Tadschikistan wurde noch 1926 mit 1500 angegeben. Nicht nur waren vor der Oktoberrevolution die Besitzer der wenigen und kleinen Fabriken fast ausschließlich Russen, sondern ebenfalls die dort Arbeitenden. Es gab allenfalls Ansätze einer Arbeiterklasse, und diese war von der einheimischen Bevölkerung weitgehend isoliert. Organisierte sozialistische Gruppen gab es ausschließlich unter den Russen in der Region, nicht unter den ansässigen Bevölkerungen. So waren die wenigen Träger sozialistischen Bewußtseins, die es überhaupt dort gab, mehr oder weniger mit den Strukturen kolonialer Vorherrschaft verbunden. Sozialistische Zielsetzungen gingen mit der Verteidigung der eigenen relativ privilegierten Sonderrolle einher. Dieses Herangehen konnte seine subjektive Rechtfertigung daraus beziehen, daß die einheimischen Massen den revolutionären Entwicklungen nicht nur passiv gegenüberstanden, sondern sich teilweise auch zur militanten Verteidigung der bestehenden Verhältnisse mobilisieren ließen.

Noch komplizierter als in den schon im 19. Jahrhundert annektierten Gebieten war die Situation in Buchara und Chiva. Waren jene in den Jahrzehnten vor 1917 immerhin ansatzweise in die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise in Rußland hineingezogen worden, so hatten die beiden Fürstentümer trotz der russischen Oberherrschaft ihre inneren Verhältnisse völlig ungestört konservieren können. Politisch, gesellschaftlich und ökonomisch standen sie etwa auf der Stufe des europäischen Mittelalters. Gruppen von Russen, die als Vermittler sozialistischer Vorstellungen und Träger revolutionärer Entwicklungslinien hätten fungieren können, gab es in Buchara und Chiva nicht.

In beiden Staaten mußten die Bolschewiki ein Bündnis mit einheimischen reformwilligen Kräften eingehen: vorwiegend Intellektuelle, aber auch ein paar reiche Kaufleute. Zahlenmäßig waren diese Gruppen sehr schwach, besonders in Chiva. Politisch waren ihre Vorstellungen bescheiden, zum Teil an die Reformbewegung in der Türkei angelehnt. Die aktivsten Leute aus diesen Gruppen waren aufgrund des Gangs der Dinge schnell bereit, zu den Bolschewiki überzugehen und "Kommunisten" zu werden; ebenso leicht liefen etliche von ihnen aber wenig später zur bewaffneten Konterrevolution über. Selbst dort, wo manche Bolschewiki die Gefahr einer Russifizierung unter linken Vorzeichen erkannten, führte kein Weg an der Realität vorbei, daß nämlich einheimische Kader für eine sozialistische Entwicklung nicht zur Verfügung standen. Nicht einmal eine bürgerlich-demokratische Entwicklung wäre dort aus eigener Kraft möglich gewesen.

Nur mit massivem Einsatz russischer Truppen war es 1920 möglich, die Feudalregime von Buchara und Chiva zu stürzen. Die beiden Staaten wurden in selbständige Volksrepubliken umgewandelt und eine Zeit lang tatsächlich von einheimischen Reformkräften regiert. Sie verschwanden erst 1924 von der Landkarte, als Moskau die gesamte zentralasiatische Region neu strukturierte. Unter anderem wurde damals die Usbekische Sozialistische Republik gegründet, der Tadschikistan noch bis 1929 als Autonome Republik angeschlossen war.

Ein wesentlicher Grund für die Bolschewiki, die Sonderrolle der beiden Volksrepubliken zu beenden, bestand vermutlich in deren Unfähigkeit, mit den bewaffneten Kräften der Gegenrevolution fertig zu werden. Mittel- und Ost-Buchara (vor allem das heutige Tadschikistan) waren Kampfzonen der reaktionär-islamistischen Basmachi-Bewegung, die erst um 1930 definitiv militärisch geschlagen war. Höchstwahrscheinlich hätten die meisten Gebiete Zentralasiens, wären sie von den Bolschewiki sich selbst überlassen worden, eine ähnliche Entwicklung genommen wie etwa das benachbarte Afghanistan.

So, wie es problematisch war, unter den gegebenen Verhältnissen der Region eine politisch-soziale Revolution zu beginnen, war selbstverständlich auch deren praktische Gestaltung kompliziert und wohl nur mit Hilfe äußerer Gewalt einerseits, massiver "Russifizierung" andererseits durchsetzbar.

Schon vergleichsweise bescheidene Reformschritte, die mit Sozialismus noch gar nichts zu tun hatten, etwa für das Auftreten und die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, waren ohne "revolutionären Terror" nicht abzusichern. Wie anders hätte man sich unter Verhältnissen behaupten wollen, wo beispielsweise der Entschluß von Frauen, keinen Schleier mehr zu tragen oder sich als Lehrerin anstellen zu lassen, als Mordgrund zwecks Abwendung der "Familienschande" ausreichte? Und wo diese Praxis gesellschaftlich akzeptiert war, ja als ehrbar und pflichtgemäß galt? Wo den Mördern jede Hilfe zuteil wurde und der Einsatz polizeilicher Gegenmittel Revolten hervorrief?

Auch zur massenhaften Zuwanderung von russischen Kadern, Lehrern und Facharbeitern nach Zentralasien gab es wohl über eine lange "Startphase" hin keine Initiative, sofern man das Ziel einer allmählichen Angleichung des Lebensniveaus, der Bildung, des Gesundheitswesen usw. an die Gesamtverhältnisse der Union nicht einfach preisgeben wollte. Wahr ist andererseits aber auch, daß im Ergebnis nicht nur der traditionelle Stadt-Land-Gegensatz nach wie vor sehr stark ist, sondern tatsächlich die Dimension nationaler Widersprüche enthält und kolonialen Strukturen ähnelt, aus denen für die zentralasiatischen Republiken eine Befreiung schwer möglich erscheint: Städte und Industriezentren, wo die Staatsnation "Minderheit im eigenen Land" ist, oder durch den drohenden Abzug der europäischen Experten abhängig und erpreßbar ist.

Ein Punkt verdient in diesem Zusammenhang noch Erwähnung: Der beschriebene starke Anstieg des russischen Prozentanteils an der Bevölkerung Kasachstans nach der Oktoberrevolution war nicht nur Ergebnis der gesteuerten Massenzuwanderung. Er war außerdem auf eine Verminderung der einheimischen Bevölkerung zurückzuführen: Zwischen 1926 und 1959 sank die Zahl der Kasachen von 3,97 Millionen auf 3,62 Mio. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der anderen zentralasiatischen Völker um zwischen 30 und 80 Prozent zu. Grund waren vor allem die besonders hohen Menschenverluste des kasachischen Volkes durch die Zwangskollektivierung und die damit zusammenhängende Hungersnot sowie die gewaltsam durchgeführte "Seßhaftmachung" der Nomaden.

Der harte Kern einer neuen Union?

Die fünf Sowjetrepubliken Zentralasiens zeichneten sich durch den wohl einmaligen Umstand aus, daß es dort vor dem Zusammenbruch der UdSSR keine bedeutenden separatistischen Tendenzen gegeben hatte. Kasachstan faßte den definitiven Beschluß über die Eigenstaatlichkeit sogar erst Mitte Dezember 1991, als die Sowjetunion praktisch schon zu existieren aufgehört hatte. Anders als vor allem die baltischen Republiken gab man sich in Zentralasien keinen Illusionen über die totale Abhängigkeit von der Union, insbesondere von Rußland, hin. Daß die Auflösung der UdSSR und ihrer "gewachsenen" Strukturen erst einmal den wirtschaftlichen Niedergang für alle ihre Teile bedeuten würde, hat man in Zentralasien wahrscheinlich klarer gesehen als irgendwo sonst.

Gründe dafür mögen insbesondere folgende sein: Erstens ist die Abhängigkeit Zentralasiens vom Rest der Union extrem stark. Es produziert fast nur Rohstoffe (Baumwolle, Wolle, Seide, Erdöl und Erdgas, diverse Mineralien), muß andererseits nahezu alle industriellen Konsumgüter einführen. Die Lösung aus der Wirtschafts- und Währungsunion mit Rußland könnte für die fünf Republiken nur Nachteile haben. Das insgesamt ohnehin nur ungenügend entwickelte Transportsystem ist total auf die Union ausgerichtet, "alle Wege führen nach Rußland". Nord- und Nordostkasachstan insbesondere sind weit stärker mit Rußland vernetzt als mit dem Süden der Republik und dem übrigen Zentralasien.

Mehr als wohl alle anderen Teile der ehem. UdSSR ist Zentralasien auf die Anwesenheit der europäischen, insbesondere der russischen Techniker, Facharbeiter, Verwaltungsleute usw. angewiesen. Eine massenhafte Abwanderung von Russen aus Zentralasien, die teilweise schon begonnen hat, würde die fünf Republiken vor riesige Probleme stellen.

Es kommt weiter dazu, daß Zentralasien aufgrund seiner geographischen Lage von Anfang an nicht einmal eine scheinbare Chance hatte, Anschluß an den Westen finden zu können. Selbst die Türkei als Außenposten Europas ist sehr weit entfernt. Nahe sind nur der Iran und Afghanistan, die in diesem Zusammenhang nicht gerade als "erste Adressen" gelten können.

Es muß daran erinnert werden, daß die UdSSR-Nachlaßgesellschaft GUS Anfang Dezember 1991 im Alleingang der drei slawischen Republiken Rußland, Ukraine und Belarus (Weißrußland) gegründet wurde. Eine reale Notwendigkeit gab es für dieses Vorgehen nicht, es entsprach in erster Linie panslawistischen Denkmustern und konnte von den zentralasiatischen Republiken nur als Affront aufgefaßt werden. Sie äußerten sich denn auch "überrascht". Es folgte zwei Wochen später, am 21.12.91, die zweite Gründung der GUS, diesmal in größerem Rahmen und als freundliche Geste in der kasachischen Hauptstadt Alma Ata. Mitglieder der GUS wurden 11 der 15 Unionsrepubliken. Abseits blieben die drei baltischen Staaten, die prinzipiell eine Fortsetzung der Union in irgendeiner Form ablehnten, sowie Georgien, das sich noch nicht entscheiden mochte. Mittlerweile besteht die GUS nur noch aus 10 Staaten: Aserbaidschan erklärte im Mai 1992 seinen Austritt, nachdem die nationalistische "Volksfront" dort die Macht übernommen hatte.

Bei Gründung der GUS wurde vom Erhalt eines "gemeinsamen Wirtschaftsraums" ausgegangen. Auf mehreren zentralen Gebieten sollte die Politik der GUS-Republiken durch "Ministerielle Komitees" eng koordiniert und möglichst einheitlich gestaltet werden. Das waren: Außenpolitik, Militärangelegenheiten, Wirtschafts- und Finanzpolitik, Verkehr und Fernmeldewesen, "sozialer Schutz der Bevölkerung" und sogar "Innere Angelegenheiten". Ein "Rat der Staatschefs" sollte als eine Art höchstes Regierungsgremium fungieren. Ein "Ständiges Komitee" sollte für die laufende politische Beratung und Koordinierung sorgen.

In der Praxis bestehen die beschlossenen GUS-Strukturen jedoch nur auf dem Papier. Am stärksten wird das von den fünf zentralasiatischen Republiken beklagt - mit der Konsequenz, dann eben die regionale Zusammenarbeit stärker zu betonen. So sagte der usbekische Präsident Karimow beim GUS-Treffen im Januar: "Wenn die GUS auch weiterhin in einer so amorphen Form wie heute bestehen sollte, wenn jeder Staat dieser Gemeinschaft nur seine eigenen Interessen verfolgt, dann werden wir (d.h. die zentralasiatischen Republiken) gezwungen sein, selbständig enger und wirkungsvoller zusammenzuarbeiten."

Angesichts der Schwäche, ja Nicht-Existenz der GUS-Strukturen kommt der militärischen Integration besondere Bedeutung zu, die im Mai 1992 zwischen sechs GUS-Staaten vereinbart wurde. Neben Rußland unterzeichneten Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und Kyrgystan; nicht beteiligt ist Turkmenistan, das generell stärker als die anderen zentralasiatischen Republiken zu Sonderwegen tendiert. Sechster Partner ist, auf den ersten Blick überraschend und rätselhaft, Armenien, das sich mit Aserbaidschan im Krieg befindet. Die armenische Intention ist vermutlich, durch die eigene Mitarbeit im Bündnis das Risiko auszuschließen, sich plötzlich einer Frontbildung Rußlands mit den zentralasiatischen Republiken zugunsten Aserbaidschans gegenüberzusehen.

Der im Mai 1992 abgeschlossene Pakt enthält auch einen Punkt, der im Falle einer "Aggression" gegen eines der Mitglieder die anderen zur "notwendigen Unterstützung, einschließlich militärischer Hilfe", verpflichtet. Die armenische Regierung hat schon einmal einen zaghaften Versuch gemacht, mit Hinweis darauf Rußland um Hilfe gegen Aserbaidschan zu bitten. Daraus wird bei der jetzigen Konstellation sicher nichts werden können. Andererseits sind die "turkstämmigen" Republiken Zentralasiens immerhin mit Unterstützungserklärungen für ihre aserbaidschanischen "Brüder" äußerst zurückhaltend, und das dürfte aus armenischer Sicht schon ein großer Erfolg sein.

Sieht man von der eher taktisch verursachten Mitwirkung Armeniens in dem Bündnis ab, so deutet sich eine Allianz zwischen Rußland und Zentralasien als harter Kern und strukturelles Zentrum der GUS oder künftiger Nachfolger der Sowjetunion an.

Noch stärker als die anderen Republiken Zentralasiens ist Kasachstan auch "sicherheitspolitisch" mit Rußland verbunden: Ende Februar dieses Jahres wurde ein Abkommen über die Bildung einer einheitlichen Verteidigungsgemeinschaft der beiden Staaten unterzeichnet, das u.a. verbindlicher als der Militärpakt zwischen den sechs GUS-Republiken gemeinsame Streitkräfte unter einheitlicher (also praktisch russischer) Führung vorsieht.

"Neuordnung" der Region?

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat vielerorts den selbstverständlich weder grundlosen noch ganz unzutreffenden Eindruck hervorgerufen, daß nun auch in Zentralasien "die Karten neu gemischt werden". Insbesondere die wirtschaftlichen, strategischen und ideologischen Interessen der Türkei und des Iran liegen offen zutage und werden ja auch, vor allem von nationalistischen türkischen Politikern, freimütig verkündet. Allgemein herrscht in politischen Kreisen die Sorge - teilweise auch mit eigenen Hoffnungen verbunden - daß Zentralasien nach mehr als einem Jahrhundert relativer Stabilität und Berechenbarkeit unter russischer Hegemonie nun wieder zu einem internationalen Krisenfeld und zum Streitobjekt zwischen regionalen und überregionalen Mächten werden könnte.

Am spektakulärsten ist das Engagement der Türkei. Ministerpräsident Demirel bereiste schon im Frühjahr 1992 die "türkischen" Staaten Zentralasiens plus Aserbaidschan und versprach überall goldene Berge. Usbekistan solle einen Kredit von 500 Millionen Dollar erhalten (u.a. zum Kauf von Getreide und Zucker in der Türkei), 200 Millionen sollen an Kasachstan gehen und 75 Mio. an Kyrgystan. Mit dieser Republik wurde damals schon eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung des privaten Unternehmertums, im Luft- und Straßenverkehr sowie bei der Ausbildung von Fachleuten vereinbart. Es war - möglicherweise jedoch unzutreffend? - auch von einem türkischen Angebot die Rede, den neuen Staaten beim Aufbau eigener Armeen zu helfen. Insgesamt werden die bisherigen Kreditzusagen der Türkei mit 1,2 Milliarden Dollar beziffert.

Ende Oktober 1992 waren die Regierungschefs der fünf "türkischen" Republiken zu Gast in Ankara. Bei dieser Gelegenheit stellte Präsident Özal das ambitionierte, jedoch wenig realistische Projekt eines "einheitlichen Wirtschaftsraums" für die gesamte Region unter türkischer Führung vor. In diesem Raum mit über 120 Millionen Einwohnern sollten die Zollschranken fallen, es müsse eine gemeinsame Investitions- und Entwicklungsbank gegründet werden, die Finanzpolitik sollte "koordiniert" werden (man errät leicht, von wem). Natürlich müßte man auch die für einen solchen Wirtschaftsraum notwendige Infrastruktur schaffen: Forcierter Ausbau der völlig unzureichenden Eisenbahn- und Straßenverbindungen, des Flugverkehrs, der Telekommunikationen. Schnell müsse man die Möglichkeit untersuchen, Öl aus Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan über die Türkei an das Mittelmeer zu bringen und es mittels neu zu verlegender Pipelines nach Westen zu bringen.

Die Presse bemerkte, daß die Gäste den betörenden Zukunftsvisionen ihrer Gastgeber "reserviert" gegenübergestanden hätten. In der gemeinsamen Abschlußerklärung ("Deklaration von Ankara") seien nur allgemeine Absichten zur Zusammenarbeit formuliert worden. Weder ein von der Türkei vorgeschlagenes Wirtschaftsabkommen, in dem konkrete Maßnahmen vorgesehen waren, noch ein von türkischer Seite vorbereitetes politisches Dokument seien unterzeichnet worden. Auch der Wunsch der Türkei, gemeinsam die Solidarität mit den bosnischen Muslimen zum Ausdruck zu bringen, sei nicht erfüllt worden. (Was angesichts der beschriebenen Bindungen an Rußland wahrlich kein Wunder ist.) Der kasachische Präsident Nasarbajew habe zu bedenken gegeben, daß ein allzu enger Zusammenschluß der "turksprachigen" Länder die Kooperation mit anderen Staaten behindern könnte. Er schließe zwar die vorgeschlagene Wirtschaftsunion nicht generell aus, doch müsse Kasachstan auch eventuelle negative Folgen für seine sonstigen Beziehungen bedenken.

So blieb als konkrete Vereinbarung eigentlich nur, diese Gipfeltreffen nun alljährlich stattfinden zu lassen, das nächste mal im Oktober 1993 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.

"Diversifizierung" ist das Motto der Außenpolitik der zentralasiatischen Republiken. Soll heißen: enge und vor allem nützliche Beziehungen zu möglichst vielen Staaten, auch zu miteinander konkurrierenden, ohne sich einseitig an irgendeinen Staat zu binden und ohne sich schematisch auf das Kopieren eines bestimmten "Entwicklungsmodells" festzulegen. Man sagt, und meint es wahrscheinlich auch ehrlich, daß man von der Türkei viel lernen könne. Sagt aber genauso ehrlich auch, daß man beispielsweise von Chinas, Südkoreas und Japans wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Erfahrungen profitieren möchte und sie zum Teil als vorbildhaft ansieht. Als Geldgeber und Helfer in sonstigen Lebenslagen sind auch Saudi-Arabien, Pakistan und Ägypten noch mit im Spiel. Selbst die iranischen Avancen läßt man nicht einfach abblitzen, obwohl insgesamt der Islamismus in Zentralasien nicht sehr stark scheint, und speziell die schiitische Richtung dort fast überhaupt nicht vertreten ist.

Eine vielleicht bedeutende Rolle für die Koordinierung und den Ausgleich unterschiedlicher Interessen in der Region könnte die Zusammenarbeit im Rahmen der ECO spielen. 1985 von der Türkei, dem Iran und Pakistan als Instrument außenwirtschaftlicher Integration gegründet, war sie aufgrund der doch sehr stark kontrastierenden Voraussetzungen und der objektiven Schwierigkeiten eine leere Hülle geblieben. Der Zusammenbruch der Sowjetunion scheint sie nun mit etwas Leben zu erfüllen. Auf der ECO-Konferenz im Februar 1992 in Teheran wurden Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kyrgystan als neue Mitglieder aufgenommen. Kasachstan scheint sich, wohl mit Rücksicht auf seine besonders enge Vernetzung mit Rußland, vorerst mit einer Beobachterrolle begnügen zu wollen. Um Aufnahme in die ECO bemüht sich außer den Genannten auch Afghanistan, jedoch scheint das noch nicht definitiv beschlossen worden zu sein.

Neben den schon "traditionellen" Zielen der ECO (Förderung des Handels durch Abbau von Zöllen und anderer Hemmnisse) wird nun das Betreiben gemeinsamer Entwicklungsprojekte betont. Von wirtschaftlicher und sogar politischer Kooperation ist - jedoch nur in allgemeinen Formulierungen - die Rede; auch Kultur, Wissenschaft und Technik sollen Gegenstand von Zusammenarbeit und Austausch sein. Hervorgehoben wird die Notwendigkeit, die Luft-, Straßen-, Schienen- und Seeverbindungen zwischen den Mitgliedern auszubauen. Ja, man hat sogar schon ein Abkommen unterzeichnet, in dem einige Projekte genau benannt sind: Anlage einer großen transasiatischen Eisenbahnstrecke und einer Autobahn, die Istanbul mit den Hauptstädten der zentralasiatischen Republiken sowie mit Teheran und Islamabad (Pakistan) verbinden soll. Man vereinbarte auch den Bau einer Pipeline, durch die Erdgas aus Turkmenien über den Iran in die Türkei und dann nach Mittel- und Westeuropa transportiert werden soll.

Zwei weitere neugegründete regionale Gemeinschaften spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle:

  • Zwischen neun "Staaten der Schwarzmeer-Region" wurde im Februar 1992 ein Kooperationsabkommen unterzeichnet. Es sieht u.a. die freie Zirkulation von Waren und Personen vor; außerdem eine Zusammenarbeit in Fragen des Verkehrs, der Kommunikation, der Landwirtschaft, des Tourismus und der Umweltpolitik. Mit japanischer Hilfe soll eine Handels- und Investitionsbank für die gesamte Region gegründet werden. Vertreten in diesem Kreis sind neben der Türkei - die als Initiatorin und Hauptinteressierte gelten kann - aus der früheren Sowjetunion Rußland, Moldova, Aserbaidschan, Armenien, Georgien und die Ukraine.
  • Mit ähnlichen Aufgabenstellungen wurde ebenfalls im Februar 1992 eine "Kaspische Zone der wirtschaftlichen Zusammenarbeit" mit Sitz in Teheran gegründet. Ihr gehören die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres an, nämlich Rußland, Aserbaidschan, Turkmenistan, Kasachstan und der Iran. Abgesehen von den allgemeinen Bekundungen über regionale Zusammenarbeit könnten als wesentliche Punkte der Schiffsverkehr sowie gemeinsame Probleme des Umweltschutzes konkrete Bedeutung bekommen.

Rußland bleibt Faktor Nr. 1

Insgesamt ist einzuschätzen, daß hier außer Festbanketten und wenigen Kooperationspunkten vorwiegend heiße Luft produziert wird. Insbesondere für die großen Verkehrsprojekte, die man sich im Rahmen der ECO vorgenommen hat, fehlt schlichtweg allen Beteiligten das Kapital, das für eine strukturelle Erschließung Zentralasiens erforderlich wäre.

Die bisherigen Erfahrungen Mittel- und Osteuropas zeigen, daß zwischen den großkotzigen Versprechungen der westlichen Politiker 1989-90 einerseits und der konkreten Investitionsbereitschaft westlicher Finanzkreise andererseits Abgründe klaffen. Geld fließt insgesamt nur spärlich, und es wird, das gilt ganz besonders für Zentralasien, seinen Weg vorzugsweise dorthin nehmen, wo im großen Umfang Rohstoffe auszubeuten sind. Also, an erster Stelle zu nennen, die großen Erdölvorkommen in Kasachstan, sowie auch das Erdgas Turkmenistans. Ferner sind möglicherweise einige Mineralien interessant. Es heißt, Kasachstan habe 95 Prozent der Chromerze, 90 Prozent der Phosphorite, 70 Prozent der Bleierze und 50 Prozent der Zinkerze der Sowjetunion produziert. Hingegen die landwirtschaftlichen Exportartikel der Region, an erster Stelle das "weiße Gold" Baumwolle (über 90 Prozent der sowjetischen Produktion), daneben auch Wolle (rund 40 Prozent), Schafspelze und Seide, dürften es auf dem Weltmarkt schwer haben.

An der grundsätzlichen wirtschaftlichen und verkehrsmäßigen Orientierung der zentralasiatischen Republiken auf Rußland wird sich in absehbarer Zeit schwerlich etwas ändern lassen - unabhängig von der Frage, wie dieser oder jener Politiker darüber denken mag und welche Ambitionen man vor allem in Ankara hegt.

Erstens ist der Erhalt eines gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraums, also die Fortsetzung der bisherigen Austauschverhältnisse, für die zentralasiatischen Republiken immer noch die günstigste Basis oder zumindest das kleinere Übel.

Zweitens fehlen für eine Umorientierung der Verkehrswege Zentralasiens "Richtung Westen" die finanziellen Voraussetzungen. Die Kosten wären riesig, und der Nutzen wäre beim Stand der Dinge niemandem plausibel zu machen. Die Hoffnung, zugunsten des ideologischen Trugbilds vom "großtürkischen Wirtschaftsraum" in den USA und Westeuropa die benötigten zig Milliarden Dollar locker machen zu können, wäre unrealistisch. Das schließt einzelne Ausnahmen wie vielleicht das Projekt einer Pipeline aus Turkmenistan nicht aus.

Drittens zeigt ein Blick auf die Karte, daß Zentralasien und die Türkei schon rein geographisch keineswegs einen gemeinsamen "Raum" bilden. Jeder Verkehrsweg aus Zentralasien heraus, der nicht über Rußland führt, müßte (abgesehen von der Luft, die aber für den massenhaften Warenverkehr keine große Rolle spielen wird) zwangsläufig erst einmal viele hundert Kilometer durch den Iran verlaufen. Die Alternative, Verbindungen durch Afghanistan, dann Pakistan und schließlich Indien an den Ozean zu führen - selbst darüber soll im Rahmen der ECO schon gesprochen worden sein - dürfte aus geologischen (Hochgebirge!) und politischen Gründen auf absehbare Zeit ausgeschlossen sein.

Eine Ausrichtung der Außenverbindungen Zentralasiens auf den Iran wäre jedoch, aus jedweder Sicht außer vielleicht der Teheraner, weitaus problematischer als die jetzige Angewiesenheit auf den nördlichen Nachbarn Rußland. Es kommt hinzu, daß die übrigen zentralasiatischen Staaten auf diese Weise nicht nur vom Iran, sondern auch von Turkmenistan abhängig würden, das zwischen ihnen und dem Iran liegt.

Tadschikistan - von der Regierungskoalition ...

Tadschikistan zeichnet sich im Vergleich mit den anderen zentralasiatischen Republiken durch ein breit entwickeltes politisches Spektrum sowie durch einen ungefähren Gleichstand der Hauptkräfte aus. Diese "Pattsituation" einerseits und auf der anderen Seite die Unfähigkeit, solide Kompromisse zu finden und sich darauf einzulassen, sind die beiden entscheidenden Voraussetzungen für den Ausbruch und die Dauer des Bürgerkriegs.

Das unterscheidet die Republik grundlegend von ihren ex-sowjetischen Nachbarn, wo bisher keine vergleichbaren Konflikte entstanden sind, ja die gegenüber den anderen Nachfolgestaaten der UdSSR sogar als auffallend "stabil" und ruhig gelten. Die Voraussetzungen dieser Freiheit von Konflikten sind allerdings sehr unterschiedlich:

  • In Usbekistan und Turkmenistan regiert noch unangefochten und geistig kaum erneuert die alte politische Klasse mit der "bewährten" Mischung aus Massenkonsens (oder Apathie) einerseits und Repression andererseits. Die kommunistische Partei führt, nur oberflächlich umbenannt, nach wie vor die Regierungsgeschäfte. In Usbekistan entstand schon in der Endphase der Gorbatschow-Ära eine differenzierte islamische Oppositionsszene, die heute in die Illegalität gedrängt ist. Die usbekische Regierung hat jede Opposition auf religiöser Grundlage verboten, ebenso sogar den Religionsunterricht an Schulen.
  • In Turkmenistan regiert der alte Präsident und KP-Vorsitzende nach wie vor, nachdem er im Juni 1992 mit dem traditionsreichen Ergebnis von 99,5 Prozent wiedergewählt wurde. Er hat gleich nach dem Moskauer Putsch (August 1991) die KPdSU verboten und eine neue Staatspartei gegründet, deren Vorsitz er übernahm.
  • In Kyrgystan regiert seit Oktober 1991 Präsident Akajew mit einem ähnlich verdächtigen Ergebnis von 95 Prozent. Er gilt jedoch als liberaler Demokrat und muß gegen ein Parlament anregieren, das noch unter dem alten System gewählt wurde, also fast ausschließlich aus Kadern der KP besteht, die sich in Demokratische Bewegung der Volkseinheit umbenannt hat. Er hat es demnach von den Voraussetzungen her ähnlich schwer wie Boris Jelzin, und es ist verblüffend, daß man dennoch nichts über Auseinandersetzungen hört.
  • Nasarbajew, der schon seit Sommer 1989 Staatschef Kasachstans ist, gilt nach Umfragen als einer der populärsten Politiker im Gebiet der früheren Sowjetunion. Auch er gilt als liberaler Demokrat - mit den Einschränkungen, zu denen ein Wahlergebnis von 98,8 Prozent (Dezember 1991) wohl Anlaß sein muß. In Kasachstan spielt, aufgrund seiner speziellen historischen Voraussetzungen, die "islamische Renaissance" keine nennswerte Rolle, schon gar nicht als politischer Faktor.
  • In Tadschikistan mußte der frühere Präsident Machkamow zurücktreten, weil er den Moskauer Putsch unterstützt hatte. Sein Nachfolger Aslonow verbot im September 1991 die mittlerweile schon in Sozialistische Partei umbenannte KPdSU und ordnete die Beschlagnahmung ihres Vermögens an. Das noch aus KP-Kadern zusammengesetzte Parlament erklärte daraufhin Aslonow für abgesetzt, setzte die Verbotsverfügung außer Kraft und verhängte den Ausnahmezustand. Dieser mußte aber schon Anfang Oktober 1991 wieder aufgehoben werden, nachdem es tagelang Massendemonstrationen in der Hauptstadt Duschanbe gegeben hatte. Dieses Konfliktszenario zwischen der alten politischen Klasse, verkörpert im Parlament, und Massenmobilisierungen sollte sich in den nächsten Monaten mehrmals wiederholen.

Bei der Neuwahl des Präsidenten im November 1991 siegte der frühere (1985 abgelöste) KP-Vorsitzende Nabijew mit 57 Prozent, während sein Gegenkandidat - der Vorsitzende der Union der Filmschaffenden der UdSSR, Chudonasarow - auf rund 37 Prozent kam. Hinter diesem stand ein Bündnis von drei Oppositionsparteien:

  • Die Rastoches (Wiedergeburt), die schon 1989 entstand und den nationalistischen "Volksfronten" in anderen Unionsrepubliken ähnelte. ("Rückbesinnung" auf tadschikische Geschichte, Kultur, Sprache).
  • Die im August 1990 gegründete Demokratische Partei, die in ihrem Programm Demokratisierung nach westlichem Muster verbindet mit einer "nationalen Erneuerung" Tadschikistans.
  • Die ebenfalls 1990 als unionsweite Organisation gegründete Islamische Renaissance Partei. Sie wurde in Tadschikistan zunächst verboten und offiziell erst im September 1991 legalisiert. In Usbekistan und Turkmenistan ist sie nach wie vor nicht zugelassen und wird verfolgt. Diese Partei enthält radikale, reaktionär-islamistische Kräfte, ebenso aber auch "gemäßigte".
  • Regionale Bedeutung hat außerdem die im Oppositionsbündnis mit vertretene Organisation Lali Badachschan. Sie setzt sich für größere Selbständigkeit des Autonomen Bezirks Gorno Badachschan (Pamir-Gebiet) ein, der sich im Frühjahr 1992 eigenmächtig zur Autonomen Republik erklärte.

Im März 1992 brach der Konflikt zwischen Regierung und Oppositionsparteien um den weiteren Weg der Republik und um die Staatsmacht offen aus. Tausende von Demonstranten forderten wochenlang den Rücktritt Nabijews; es gab aber auch Gegenkundgebungen. Im April 1992 erzwangen militante Oppositionsanhänger, indem sie Abgeordnete und Minister als Geiseln nahmen, die Ablösung des "altkommunistischen" Parlamentspräsidenten Kendschajew.

Anfang Mai 1992 spitzte sich die Lage in Duschanbe zu bewaffneten Kämpfen um Regierungsgebäude, Fernsehsender und Flughafen zu, während gleichzeitig schon über einen Vorschlag Nabijews an die Oppositionsparteien verhandelt wurde, sich an der Regierung zu beteiligen. Militärisch behielt die Opposition die Oberhand und konnte alle "strategischen Punkte" der Stadt einnehmen; der Kommandant der Nationalgarde wechselte auf ihre Seite über.

Aus dieser Position der Stärke stimmte die Opposition dann einem Beitritt zur Regierung zu, wobei ihr acht von 24 Ministerien zufallen sollten.

Das Koalitionsabkommen vom Mai 1992 sah unter anderem den Verzicht Nabijews auf die ihm vom Parlament verliehenen Sondervollmachten und die Aufhebung des Ausnahmezustands vor. Die ihm persönlich unterstellte Präsidentengarde sollte entwaffnet, Geheimdienst und "Verteidigungskomitee" sollten der Regierung unterstellt werden. (Ein Hinweis auf die Existenz verschiedener "unkontrollierter" bewaffneter Staatsorgane). Außerdem wurde vereinbart, erst einmal keine Demonstrationen mehr stattfinden zu lassen; die Milizen aller Seiten sollten ihre Waffen abliefern.

... zum Bürgerkrieg

Es zeigte sich schon an diesem Punkt, daß die Opposition sehr uneinheitlich war und wohl auch ihre Anhänger nicht vollständig unter Kontrolle hatte. Jedenfalls kam es sofort in Duschanbe zu neuen bewaffneten Angriffen von radikalen Kräften, denen das Koalitionsabkommen nicht weit genug ging oder die überhaupt gegen einen Kompromiß mit den "Altkommunisten" waren. Aus der Stadt Kuljab im Süden Tadschikistans wurden Kämpfe zwischen "rivalisierenden muslimischen Gruppen" gemeldet, an denen sich auch Anhänger Nabijews beteiligten.

Im Sommer 1992 befanden sich Teile Tadschikistans, obwohl in Duschanbe immer noch eine Koalitionsregierung formal die Macht ausübte, im Bürgerkrieg. Das betraf vor allem die Gebiete von Kuljab und Kurgan-Tjube, ebenfalls im Süden Tadschikistans. Über 100.000 Menschen waren schon auf der Flucht; viele davon kamen nach Duschanbe und stärkten dort das radikale, zum Gewalteinsatz leicht mobilisierbare Potential.

Anfang September erzwangen der Opposition nahestehende Kräfte durch militante Demonstrationen und bewaffnete Angriffe in Duschanbe die Flucht und den Rücktritt Nabijews. Übergangspräsident bis zu Neuwahlen, die am 13. Dezember stattfinden sollten, wurde der Oppositionspolitiker Iskandarow; neuer Regierungschef wurde Abduladschanow, der sich schnell als Figur der "altkommunistischen" Kräfte erwies.

In verschiedenen Landesteilen nahmen die Kämpfe an Schärfe und Umfang zu. Dabei gelang es "altkommunistischen" Kräften offenbar, sich nicht nur in der als ihre Hochburg geltenden Region Kuljab zu behaupten, sondern auch die Herrschaft über Kurgan-Tjube zu übernehmen. Zwei Versuche, auch in der Hauptstadt die Regierungsgebäude und den Fernsehsender zu erobern, scheiterten im Oktober und Anfang November.

Mitte November erklärten Iskandarow und die Regierung ihren Rücktritt, mit der Begründung, den Weg für Neuwahlen frei machen zu wollen. Tatsächlich bedeutete das bereits die politische Niederlage der Opposition und den entscheidenden Schritt zur Rückgabe der Macht an die "Altkommunisten". In Chodschent im äußersten Norden Tadschikistans, der zu keinem Zeitpunkt umstrittenen Bastion der alten KP, trat erstmals seit Monaten wieder das noch unter dem alten System gewählte Parlament zusammen. Es setzte Iskandarow ab, machte an seiner Stelle Rachmanow (führender Regionalpolitiker aus Kuljab) zum neuen Parlaments- und Staatschef, und beauftragte Abduladschanow erneut mit der Regierungsbildung. Im Dezember wurden die Milizen der Opposition aus Duschanbe vertrieben. Eine Offensive mit dem Ziel ihrer definitiven Zerschlagung wurde östlich der Hauptstadt sowie im Pamir-Gebiet eingeleitet. Ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Führer der Oppositionsparteien und gegen das (als Vertreter der "Gemäßigten" geltenden) islamische Oberhaupt Turadschosonda wurde eingeleitet.

Die heute in Tadschikistan herrschenden Kräfte suchen offenbar nicht nach Wegen, sich mit Teilen der durchaus differenzierten Opposition zu verständigen, sondern streben nur den totalen militärischen Sieg an. Von diesem sind sie aber vermutlich noch weit entfernt. Das Land hat in seinen geographischen Strukturen, aber auch in seiner sozialen und politischen Situation große Ähnlichkeiten mit dem Nachbarstaat Afghanistan - einschließlich aller Voraussetzungen für einen langen Bürgerkrieg mit einer Verselbständigung der Kräfte und wechselnden Koalitionen. Die Verbindungen verschiedener Oppositionskräfte nach Afghanistan sind eng. Es ist kein Geheimnis, daß dort ihre Milizen ausgebildet wurden, daß von dort ein Teil ihrer Waffen geliefert wurde, daß dort heute auch ihre Rückzugsgebiete und Nachschubwege sind. Eine wesentliche Basis der Verflechtung beider "Kampffronten" liegt darin, daß es in Afghanistan eine zahlreiche tadschikische oder iranisch sprechende Bevölkerung gibt - etwa ein Viertel der Gesamtheit.

Ende März/Anfang April wird gemeldet: Safarow und Saidow wurden in Kurgan-Tjube erschossen aufgefunden. Safarow, der wegen krimineller Delikte viele Jahre in sowjetischen Gefängnissen verbracht hatte und sicher keine Gestalt aus dem Bilderbuch des vorbildlichen Kommunisten war, avancierte im Bürgerkrieg als Führer anti-moslemischer Streitkräfte zum "Helden Tadschikistans". Saidow wird jetzt in den Pressemeldungen als sein Rivale bezeichnet. Ob sie sich gegenseitig getötet haben, ob Saidow erst Safarow erschoß und dann von dessen Leibwache getötet wurde, ob beide zusammen vielleicht "nur" einen Autounfall hatten, oder ob sie gar einem Angriff der bewaffneten Opposition zum Opfer fielen, ist im Gewirr der Versionen noch ungeklärt. Die auch nicht unwahrscheinliche Erklärung, daß beide von Agenten im Auftrag der Regierung oder russischer Dienststellen "liquidiert" wurden, tauchte bisher noch nicht als Gerücht auf. Eine Interpretation besagt, daß Safarow sich auf die Forderung der Regierung einlassen wollte, die unkontrollierten Milizen zu entwaffnen, Saidow jedoch dagegen gewesen sei. Eine andere Version spricht lediglich davon, daß die Entwaffnung der "wilden" Truppen seit längerem ein Streitpunkt zwischen der Regierung und den Milizführern gewesen sei.

Sicher ist einerseits, daß die "regierungstreuen" Milizen für die Regierung in Duschanbe zu Geistern geworden sind, die man zwar gerufen hatte, aber nun nicht wieder los wird. Andererseits bleibt die Regierung auf diese Hilfstruppen angewiesen, da sie aus eigener Kraft wohl kaum zum militärischen Sieg über die Oppositionskräfte in der Lage sein wird. Bliebe nur die auch im Verlauf der sowjetischen Intervention in Afghanistan schon mal praktizierte Methode: Heftige Selbstkritik wegen "sektiererischer Überspitzungen" üben, ein paar Leute als Sündenböcke absetzen, den einen oder anderen vielleicht auch hinrichten, und dann eine Politik der Öffnung auf die muslimischen und anderen oppositionellen Kräfte hin versuchen.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 7. April 1993